Von Hans Mayer

In der ZEIT Nr. 7 vom 9. Februar brachten wir einen Artikel über die vom niedersächsischen Kultusministerium abgelehnte Berufung des Literaturwissenschaftlers Fritz J. Raddatz an die Fakultät 5 der TU Hannover. Ein starkes Interesse an dieser Berufung hatte Hans Mayer gehabt, Germanistik-Professor an der betreffenden Fakultät. Raddatz ist sein Habilitand gewesen.

Natürlich spreche ich auch in eigener Sache. Wenn ich mich vorfristig emeritieren lasse, so hat das in der Tat zu tun mit der Nichtberufung von Raddatz durch das niedersächsische Kultusministerium. Aber das sind akademische Vorgänge ohne größeres öffentliches Interesse. Ob ich "trotzig" nach Chicago abgerauscht bin? Der Reisetermin lag seit Monaten fest. Undankbarkeit? Der Kollege und Minister Peter von Oertzen dürfte es besser wissen. Eitelkeit, die gleich ist der Leistung? Wer will das messen. Bin ich ein Paradiesvogel, ist auch Raddatz einer? Das sind Metaphern. Aber der Fall Raddatz ist kein poetischer, sondern ein politischer.

Er ist zunächst ein Fall der amtlich-staatlichen Ratlosigkeit. Man weiß offenbar nicht, nicht mehr oder noch nicht, was Professoren der Germanistik, also immerhin der deutschen Literatur und Sprache, von nun an lehren und praktizieren sollen. Der modische Ruf: Es komme vor allem an auf die Ausbildung von Deutschlehrern, ist entweder eine Selbstverständlichkeit, oder durchaus keine. Dann nämlich keineswegs, wenn damit gemeint ist: wichtiger sei in der Schule das pädagogische Geschick, als die Fähigkeit des Deutschlehrers, schwierige oder auch triviale Texte genau, in Anwendung einer erworbenen Interpretationstechnik, zu erläutern.

Was man sich im Ministerium zu Hannover ausdachte und was zu der schockierenden Nichtberufung von Raddatz – gegen das Votum von Fakultät, Senat und sämtlichen stimmberechtigten Germanisten in den Berufungsgremien – geführt hat, ist wohlbekannt. Es wurde vor Jahren auch in der DDR zwischen Ministerium für Volksbildung und Staatssekretariat für Hochschulwesen durchgeprobt. Dann jedoch wurde festgelegt: Ausbildung für das höhere Lehramt sei vor allem fachwissenschaftlicher Art.

Es muß widersprochen werden, wenn in Hannover, vom studentischen Fachschaftsrat bis zum Staatssekretär, argumentiert wird: ausschlaggebend sei die didaktische und methodische Fähigkeit des Germanisten: wer nicht firm darin sei, könne nicht als Professor für deutsche Literatur und Sprache berufen werden. Das ist aber weder "systemverändernd", noch gar revolutionär, sondern landet bei der amerikanischen Technologie von MacLuhan, wonach "das Medium die Botschaft sei". Allein Methodik und Didaktik des Deutschunterrichts – nichts sei dagegen gesagt! – sind nicht die frohe Botschaft. Zu lernen ist immer noch die Kunst des Lesens. Worunter die Arbeit an Texten aller Art zu verstehen ist: Leitartikel und "Faust", Drehbücher und Groschenheftchen. Verstanden als Lektüre und Interpretation eines präzisen gesellschaftlichen Kontextes.

Auch da gibt es einen modischen Trend: vor allem bei manchem Studentenfunktionär. Neben das Reizwort "Ausbildung der Deutschlehrer" tritt jenes andere vom "Primat der Trivialliteratur". Richtig ist daran, daß die Literaturwissenschaft aufhören muß, die Musikabteilungen der Sender zu imitieren, wo man zwischen U-Musik und E-Musik unterscheidet. Darüber mag man bei Adorno nachlesen. Allzu lange behandelte man im Oberseminar bloß die E-Literatur, oder was man jeweils dafür hielt. Soziologie des Lesens, des Publikums, Fragen der Rezeptionsästhetik: das alles kam nicht vor.