Was heißt „Loipe“? Duden und Lexika der frühen sechziger Jahre schweigen sich darüber aus. Wen interessiert schließlich schon ein Wort, das sich so anhört, als würde es aus dem verschrobenen Sprachschatz der Sportexperten stammen. Doch plötzlich sprechen kreuzbrave und des Sportfimmels völlig unverdächtige Leute von Loipe, von Diagonalschritt und Violett-Klister. Was ist passiert?

Wir können es nicht glauben, daß allein die Schneearmut dieses Winters, die Kreation des Bogner-Langlaufanzugs „Faluw“ (237 Mark) oder die Verabreichung von Skiwachs in hygienischen Spraydosen dazu beigetragen haben, der Urform des Skilaufs zu neuem Glanz zu verhelfen. Jedenfalls ist sie da: die Langlaufwelle.

Zwar lallen die Skiverbände in Deutschland und der Schweiz schon seit ein paar Jahren „LLL“, die Abkürzung für den Slogan „Langläufer leben länger“ und haben einige Vorarbeit geleistet, zwar offerieren seit geraumer Zeit immer mehr Alpenorte und Reiseveranstalter in ihren Prospekten Langlauf-Loipen, weil sich das optisch nicht schlecht macht. Aber erst in diesem Winter schlägt die Stunde der Langlauf-Wahrheit. Nie zuvor sind so viele Ski-Neulinge auf den schmalen Brettern in die Loipen ein- und Abfahrtsfanatiker auf das Pendant der Pisten umgestiegen. Da und dort war man auf den Umschwung offensichtlich nicht entsprechend vorbereitet. Im Schickeria-Wintersportort Kitzbühel zum Beispiel lehren 200 „rote Teufel“ den Pistenschwung, für die Sparte Langlauf glaubte man jedoch mit einem einzigen Skilehrer auszukommen. Dieser arme Teufel wird jetzt so strapaziert, daß er seit Saisonbeginn bereits 600 Deka (nach deutschem Gewichtsmaß sechs Kilogramm) abgenommen hat.

Etwas Geschicklichkeit, etwas Gleichgewicht – und schon können die ersten Langlaufschritte prima gelingen. „Stapfen Sie ohne viel zu überlegen los. Anfangs stehen Sie vielleicht noch ein bißchen wacklig auf den Skiern, aber das verliert sich mit der Zeit“, heißt es in einem der neuen Lehrbücher. Das läßt sich hören und gibt Mut! Nichts vom „breitbeinigen Einpflügen, das bei zunehmender Belastung gegen den Außenski in die Fallinie führt“, wie es der Pistenskimensch lernen muß. Und außerdem kann man sich nur wundern, warum wir nicht schon viel früher darauf gekommen sind, wie risikolos, gesund und billig obendrein der Langlauf ist.

Experten sagen, er sei ein „Lifetime-Sport“, er begleitet uns ein Leben lang, er beansprucht den Körper von den Zehen bis zu den Fingerspitzen, pumpt Sauerstoff in die Lungen, macht unabhängig von Liftschlangen und Seilbahn-Abonnements, und neben einem Dutzend anderer Pluspunktewäre wohl noch auf die Erkenntnis der Spezialisten hinzuweisen, wonach der Langlauf als rhythmische Sportart gerade dem weiblichen Bewegungsempfinden entgegenkomme.

Wie dem auch sei, der Langlaufboom läßt sich mit so manchen Motiven erklären. Viele Skikursteilnehmer können nach anfänglichen Fortschritten den rechten Pistendreh nicht finden, fühlen sich nicht wohl zwischen Abfahrts-Stieren und Jet-Schwung-Akrobaten, viele wollen lieber die Natur genießen, anstatt in Bergbahnhöfen Schlange zu stehen, und insgeheim steckt so manchem Winterurlauber schlicht der Trimm-dich-Daumen im Genick: Beweg dich, Junge! Groß ist aber auch die Schar derjenigen Skifahrer, die sich durchaus zu Meistern auf dem Wedelparkett zählen können und trotzdem Loipenfans geworden sind, ältere vor allem, die nun schon lange genug durch Pulverschnee und Buckelpisten bergab gebraust sind.

Der Kurdirektor von Lenk im Berner Oberland, wo in dieser Saison zum erstenmal Langlaufwochen zu Pauschalpreisen angeboten wurden, glaubt, daß es auch bereits den „Langlauftyp“ unter den Wintersportgästen gibt. „Es sind die bescheideneren Skiläufer, sie mögen mehr die einfachere, natürliche Ambiance.“