Die Frau des Bundespräsidenten war „beeindruckt“; ein katholischer Bischof wünschte „von Herzen viel gutes Echo“, und ein protestantischer Propst sprach von „einer guten Sache“.

Das Lob gilt Schülern in einem Winkel Schleswig-Holsteins, in dem Dorf Sommerland, das in der flachen Marsch nördlich von Hamburg liegt. In der alten einklassigen Schule werden keine Kinder mehr unterrichtet, seit es im Nachbarstädtchen eine Gemeinschaftsschule gibt. Im Schulhaus wohnt nun der Lehrer Hans-Jürgen Lorentzen, und das ehemalige Klassenzimmer ist jetzt sein Wohnzimmer. Dennoch sitzen darin Schüler und arbeiten. Manchmal sind es dreißig, heute, an diesem regnerischen Tag im Februar, sind nur ein Dutzend Kinder gekommen. Sie gehen in die achte und neunte Klasse der Hauptschule, ihre Väter sind Tischler, Kirchendiener, Bauern oder Landarbeiter.

An diesem Nachmittag haben sich die Schüler an zwei Tischen gruppiert, und schreiben Briefe an Menschen, die sie gar nicht kennen, an Pastoren, Diakone, Gemeindeschwestern. Sie bieten ihnen ein kleines Buch an mit dem Titel „Erinnerungen an Etwas“; Preis: fünf Mark. Das Büchlein handelt von einem kleinen Mädchen aus Pommern, das auf der Flucht 1944 seinen Eltern verlorengeht und von einer polnischen Familie wie ein eigenes Kind aufgenommen wird; nach dem Krieg kommt es zu seinen leiblichen Eltern nach Köln. Dort fühlt es sich aber todunglücklich, bis es schließlich zu seiner „richtigen“ Familie nach Polen zurückkehren darf.

Von diesem Buch verkauften die Schüler bisher rund 5500 Exemplare. Sie haben Hunderte von Briefen geschrieben. Viele der Angeschriebenen bestellten das Büchlein, insgesamt erzielten die Schüler 14 000 Mark Reingewinn. Das Geld ist bestimmt für ein polnisches Kinderkrankenhaus in Warschau, das als „ein Denkmal-Spital zur Ehrung an die während des Zweiten Weltkriegs durch die Hitleristen ermordeten Kinder errichtet und auch zu; gegenseitigen Verständigung unserer beiden Völker beitragen soll“, wie es in einem offiziellen polnischen Schreiben heißt.

Verglichen mit der 130-Millionen-Spende der Bundesrepublik für Vietnam und auch gemessen an den Millionen-Kosten für eine Klinik ist der Betrag gering. Doch mehr als das Geld zählt in diesem Fall der Einsatz. Lehrer Lorentzen glaubt, daß „ich selber einen möglichst großen Teil damals verbrochener Untaten ‚wiedergutzumachen‘ habe; das ist nicht durch Gebietsabtretungen oder die Opfer und Leiden des ostdeutschen Teils unseres Volkes abgetan“. Deshalb und weil sie die Sache mit dem Buch „einfach prima fanden, haben wir angefangen“. Wir – das sind außer den Schülern von Sommerland und Jungen und Mädchen aus umliegenden Dörfern auch Lorentzens eigene neun Kinder.

Das Echo auf ihre Briefe ist freilich längst nicht immer positiv. Von 600 angesprochenen Pastoren in Schleswig-Holstein antwortete noch nicht einmal jeder zweite; von 600 Lehrern, denen Lorentzen das Buch in einer Versammlung anbot, kauften gerade drei ein Exemplar. Und mancher Angesprochene empört sich mit Begriffen wie „Nötigung und unlauterer Wettbewerb“ oder fordert sogar: „Lassen Sie das sein“; denn: „Polen hat ja genug deutsches Eigentum an sich genommen, was fällt Ihnen ein, nun auch noch für polnische Kinder zu betteln!“

Das Krankenhaus in Warschau – in diesem Sommer wird der Grundstein gelegt – soll ein Zentrum für Kinder aus dem ganzen Land werden. Die Klinik wird nach dem polnischen Arzt Janus Korczak, dem Erzieher und Schriftsteller, benannt werden, der von deutschen Truppen ins Warschauer Getto gesperrt und von dort 1942 mit 200 Kindern in das KZ Treblinka gebracht und ermordet wurde.