ZDF, Dienstag, 27. Februar: „Tartüff“, von F. W. Murnau in der Serie „Der große Stummfilm“

Wenn eine Frau eilig eine Treppe herunter trippelt, flirrt eine Tonkette halbtonweise abwärts; sie macht eine kleine Pause, wenn die Frau auf dem Treppenabsatz innehält, fällt dann weiter durch die nächste Oktave. Wenn Tartüff, der große Schein-Heilige, mit dem Buch der frommen Sprüche vor seinen kurzsichtigen Augen, aus der Tür tritt, um dann mit schielendem verkniffenen oder wildstarrendem Blick seine Opfer anzuvisieren, spielt im Orchester irgendeine Stimme den Weihnachtschoral „Vom Himmel hoch“. Und wenn die heuchlerische Haushälterin, die es nur auf das Vermögen ihres Dienstherren abgesehen hat, den alternden Witwer in den Schlaf schaukelt, ist im Orchestersatz einer Stimme das Wiegenlied „Schlaf, Kindchen, schlaf“ zugewiesen. Hat der Stummfilm sich immer nur derartig naiver musikalischer Illustrations-Klischees bedient?

„Tartüff“, 1925 entstanden, ist ein Stummfilm der ganz großen Namen. Carl Mayer, Stardrehbuchautor der zwanziger Jahre, setzte Molière um zu einer Paraphrase „Vielfach ist die Zahl der Heuchler auf, Erden – oft sitzen sie lieber, uns, und wir wissen es nicht“; Friedrich Wilhelm Murnau inszenierte den Streifen in einer schnell sinnfällig werdenden Doppelbödigkeit; Karl Freund drehte diese zwieschichtige Parabel mit den sehr, subtilen Mitteln, von Licht, und Schleier und Blenden; Emil Jannings etwas outriert, aber suggestiv als Tartüff; Lil Dagover: die schöne und kluge Frau, die alles auf eine Karte setzt: Werner Krauß: irregeleiteter Fetischist.

Als der Film 1926 zur Galaeröffnung des Berliner Gloria-Palastes lief, saß vor der Leinwand ein Orchester, von beinahe wagnerischem Format, um die Tonketten, Choräle und Kinderlied-Adaptationen, darüber, hinaus auch noch einiges Eigenständigere und Seriösere zu spielen. Komponist der Musik, die diesen fast 90 Minuter dauernden Film beinahe lückenlos begleitet, wat Giuseppe Becce, einer der europäischen Stars der Stummfilmmusik: 1913 spielte Becce in einen Meester-Film einen Richard Wagner, und komponierte selber eine Musik dazu, die der Wagners verblüffend ähnelt; seit 1918 als Hauskapellmeister bei. der Ufa, lieferte Becce den Salon-Orchestern der Provinzkinos die Versatzstücke für die Begleitmusik-Collagen in Form seiner zehnbändigen „Kinothek“; 1927 gab er mit Hans Erdmann ein zweibändiges „Handbuch der Filmmusik“ heraus – ein Nachschlagewerk mit über 3000 Titeln, die, nach Schlagworten wie „Baccarole bei stürmischer See“ und „Schmachtend“ Blicke“ geordnet, aus Oper und Konzert stammend zur Stummfilmbegleitung umfunktioniert werden konnten.

Becces „Tartüff“-Musik galt bislang als verloren. Sie wiedergefunden und neu zugänglich gemacht zu haben, ist den Intentionen der Filmredaktion des ZDF zu danken, die in ihrer Serie „Der große Stummfilm“ sich um möglichst originale Musikalisierungen bemühen.

Becces Musik ist der Schriftstruktur von Murnaus Film völlig angepaßt: eine Vielzahl kleiner und kleinster Elemente, musikalische Mini-Szenen, genau auf die Bildlängen passend, Illustrationen zumeist, oft auch ins Klischee verfallend, wie es offenbar üblich, war in jenen Jahren. Erinnerungen an den Stehgeiger, an Kurkonzert und Kaffeehaus, dann wieder Anklänge an Wagner-Harmonik und der expressionistische Reiz von Septimen und Non-Akkorden, der schrille musikalische Zeigefinger und das Oh-Mensch-Pathos, alles hart aneinandergeschnitten – ein musikalisches Frikassee, das den Primat eindeutig dem Bild überlassen hat.

In den anderen Filmen der diesjährigen Serie hat man ähnliches Finderglück nicht gehabt. Für „Die freudlose Gasse“ von Pabst schrieb Hans Jönsson eine völlig neue Begleitmusik, für „Anna Boleyn“ von Ernst Lubitsch arbeitete Wolfgang Sternberg altenglische Tafelmusiken um, zu „Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück“ von Piel Jutzi versuchte ein Team sich mit möglichst einfacher Berliner Folklore (der wohl unbefriedigendste Versuch in dieser Reihe), für „Scherben“ von Lupu Pick; der im März gesendet, wird, adaptierte Sternberg Teile aus Tschaikowskys vierter Sinfonie, wobei lange Pausen den Zuschauer immer wieder bewußt sich auf das Bild konzentrieren lassen, sollen, für „Alraune“ soll ein ehemaliger „Illustrator“ seine ursprüngliche Klavier-Kompilation von 1927 wiederholen.