Von Iring Fetscher

Das Kommunistische Manifest ist eine der hinreißendsten politischen Kampfschriften der Weltgeschichte. Auftragsarbeit eines damals noch wenig bekannten deutschen Intellektuellen, bestellt von einem obskuren revolutionären Verein deutscher Arbeiter in London, hat es zwar auf die bürgerliche Revolution von 1848 kaum schon einen Einfluß ausüben können, ist aber seither in zahlreichen Revolutionen benutzt und zitiert worden. In diesen Tagen feiern die kommunistischen Parteien der ganzen Welt seinen Geburtstag.

Benutzen wir diesen Anlaß, um ein bedeutendes Werk deutscher Prosa, das großartige Programm eines Revolutionärs und Sozialisten, erneut zu lesen, um festzustellen, was an ihm heute lebendig und was an ihm vergangen ist und mit welchem Recht jene, die den Geburtstag feiern, sich auf es berufen können.

Als Karl Marx 1847 daranging, auf der Grundlage der von seinem Freund Friedrich Engels in der bis dahin üblichen Katechismusform formulierten „Grundsätze des Kommunismus“ das kommunistische Manifest zu schreiben, war er bereits im Besitze einer aus den Hegelschen Ansätzen entwickelten Geschichtsphilosophie. Es war die große siegesgewisse Zuversicht in den zugleich dialektischen und progressiven Charakter der Weltgeschichte und in die führende Rolle, die in ihr das Abendland zu spielen habe, die aus jeder Zeile seines Manifestes sprach und über ein Jahrhundert auf Leser immer wieder zündend wirkte. Durch diesen geschichtsphilosophischen Charakter unterschied sich auch von Anfang an der Marxsche und Engeissche Sozialismus von dem seiner meisten Zeitgenossen. Nur Saint Simon hatte einen ähnlich festen Glauben an den notwendigen Fortschrittscharakter der Geschichte.

So sehr aber auch Marx 1848 bereits im Besitz seiner geschichtsphilosophischen Überzeugung war, so wenig ausgebildet war seine Kritik der politischen Ökonomie. Weder die Mehrwertlehre noch das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate – um nur zwei seiner wichtigsten späteren Entdeckungen zu nennen – waren ihm bereits bekannt. Die Überzeugung von der welthistorischen Rolle des Proletariats beruhte im wesentlichen noch auf einem Analogiedenken und auf der dialektisch argumentierenden Intuition, daß eine Klasse mit radikalen Ketten auch nur eine radikale Revolution machen könne, daß die tendenziell zur Mehrheit der modernen Gesellschaft heranwachsende Klasse keine neue Klassenherrschaft, sondern nur die klassen- und herrschaftslose Gesellschaft durch ihre Revolution werde heraufführen können. Alles, was an der Marxschen Revolutionstheorie fasziniert, wir im Manifest schon enthalten, aber kaum etwas von dem, was den wissenschaftlichen Charakter des Marxismus ausmacht. Die materialistische Geschichtsphilosophie hatte sich noch nicht zur wissenschaftlichen Kritik der politischen Ökonomie entwickelt. Louis Althusser hat sicher recht, wenn er den Wissenschaftler Marx erst mit den Arbeiten der fünfziger Jahre beginnen läßt. Max Scheler hätte diese Antizipation wissenschaftlicher Einsichten durch den enthusiastisch formulierten Glauben als charakteristisch für den historischen Gang neuer Erkenntnisse bezeichnet. Stets geht nach ihm eine emphatische Hinwendung und eine noch nicht exakt begründbare Überzeugung der wissenschaftlichen Erfassung eines neuen Daseinsbereichs voraus. Das schließt aber die von Althusser betonte Tatsache des epistemologischen Bruchs in der Entwicklung von Marx nicht aus.

Für den politischen Journalisten und Redner Marx gibt es eine Kontinuität der Sprache und der suggestiven Metaphern, für den Humanisten eine Kontinuität der Haltung, für den Wissenschaftler gilt das nicht.

Die Gliederung des Manifestes ist einfach und suggestiv. Auf einen Teil „Bourgeois und Proletarier“, in dem die Dynamik der bürgerlichkapitalistischen Gesellschaft und die Erzeugung des Proletariats als neuen welthistorischen Subjekts geschildert wird, folgt die Nutzanwendung für das Verhältnis der Kommunisten zu den Proletariern, die aktuelle politische Aufgabe des bewußtesten Teils der Arbeiterklasse, und in einem Anhang setzt sich Marx mit zeitgenössischer sozialistischer und kommunistischer Literatur auseinander.