Die Sowjetunion im Widerspruch zwischen Reformen und Machtinteressen

Von Wolfgang Leonhard

Vor zwanzig Jahren, am 5. März 1953, starb Stalin. Der Tod des sowjetischen Diktators, der fast drei Jahrzehnte unumschränkt die Geschicke des Landes gelenkt hatte, wurde zunächst als Wendepunkt in der Geschichte der Sowjetunion betrachtet. Weit verbreitet war damals die Hoffnung, daß nun in der Sowjetunion eine Welle der Liberalisierung und Demokratisierung einsetzen würde. Aber die ersten Ansätze dazu trogen. Zwanzig Jahre später stellt sich die Frage, ob Stalins Tod wirklich ein Wendepunkt der sowjetischen Geschichte war.

Wenn man heute die zwei Jahrzehnte der nachstalinschen Entwicklung zusammenhängend überblickt, stellt man fast überrascht fest, wie wenig sich seitdem in der Sowjetunion grundsätzlich geändert hat und wie sehr die Stalin-Periode und der Stalinismus auch heute noch die Entwicklung der Sowjetunion bestimmen. Dies gilt auch für die drei bedeutsamsten Entwicklungsprozesse der Zeit nach Stalin: dem wirtschaftlich-technischen Aufschwung und dem Übergang zu einer modernen Industriegesellschaft, der gesteigerten sowjetischen Rolle in der Weltpolitik und schließlich den harten Auseinandersetzungen über das innenpolitische System der UdSSR.

Die erste wichtige Veränderung vollzog sich im wirtschaftlich-technischen Bereich. Obwohl auch hier das Erbe des Stalinismus – das schwerfällige bürokratische System der Wirtschaftsleitung, die Vernachlässigung der Landwirtschaft und das Zurückbleiben der Konsumgüterproduktion – noch keineswegs überwunden wurde, ist in vielen Bereichen der wirtschaftlich-technische Aufschwung unverkennbar. So stieg nach sowjetischen Angaben – um nur einige Beispiele zu nennen – die Erzeugung von Elektroenergie von 91 Milliarden Kilowattstunden im Jahre 1950 auf 740 im Jahre 1970, die Produktion von Erdöl (jeweils in Millionen Tonnen) im gleichen Zeitraum von 38 auf 353, die Kohleproduktion von 261 auf 624 und die Stahlproduktion von 27,3 auf 116. Selbst die gegenüber anderen Industrieländern weit zurückbleibende Kraftwagenproduktion (Lkw und Pkw zusammengenommen) stieg von 363 000 im Jahre 1950 auf über 900 000 im Jahre 1970; bei Traktoren wurde die Produktion von 117 000 auf 459 000 gesteigert.

Mangel an Konsumgütern

Weit weniger erfolgreich verlief allerdings die Entwicklung der Konsumgüterproduktion und der Landwirtschaft. Der im Vergleich zu anderen Industrieländern kaum vorstellbare Mangel an Konsumgütern ist auch heute in der Sowjetunion noch nicht überwunden. Immerhin gelang es, zumindest bei einigen industriellen Konsumgütern aufzuholen. So stieg etwa die Produktion von Kühlschränken von 1200 (1950) auf 4,1 Millionen (1970), bei Fernsehgeräten im gleichen Zeitraum von 12 000 auf 6,7 Millionen. In der immer noch weit zurückbleibenden Landwirtschaft konnte zumindest die Getreideproduktion von 81,2 Millionen Tonnen (1950) auf fast 187 im Jahre 1970 gesteigert werden. 1972 fiel der Ertrag freilich wieder auf 168 Millionen Tonnen zurück, und die Sowjetunion mußte erneut Getreide aus dem Ausland importieren.