Lungaus ist in Gefahr

Von Werner Sonntag

Am Rucksack trage ich die Plakette „Dem treuen Gast“, und auch die goldene Lungauer Wandernadel habe ich erwandert; ich kenne Lehrer, Gewerbetreibende, Bürgermeister, Kleinbahn-Lokomotivführer, Jäger,Förster, Stammgäste aus dem Rheinland und Berlin, und zur „Frau Hauptschuldirektor“ sage ich „Loisi“ – kurz, jegliche Objektivität ist zum Teufel. Was allein mich zurückhält, Fremdenverkehrsreklame für den Lungau zu machen, ist der Fremdenverkehr. Denn die einen, die in dieses 1000 Meter hoch gelegene Alpenbecken hinter den Radstädter Tauern gelockt würden, fänden alles zu schlicht und zu bieder; die anderen aber, die schon hier sind, würden ihre Beschaulichkeit noch mehr gefährdet sehen. Doch dies ist die Gelegenheit, nach zehnjähriger Bekanntschaft mit einem Fremdenverkehrsort, der eigentlich erst nach dem Kriege einer geworden ist, Bilanz zu ziehen.

Vor zehn Jahren kam auf drei Lungauer ein Fremder. Auf diese Weise wurde schon ich eins griert. Heute steht das Verhältnis schon bei eins zu zwei: 10 000 Gästebetten bei 18 000 Einwohnern im ganzen Lungau; in meinem Urlaubsort St. Michael: 1500 Betten bei 2860 mitgewachsen: Die Preise sind dagegen nur mäßig mitgewachsen: Durchschnittlich 42 Schilling werden für das Bett mit Frühstück im Privatquartier verlangt (die Hälfte der Betten entfällt, wie häufig in österreichischen Sommerfrischen, auf Privathäuser); Vollpension kostet meistens 80 bis 120 Schilling, vom Katschberghotel (mit Hallenbad) abgesehen.

Der Bekanntheitsgrad des Lungaus hat glücklicherweise ebenfalls nur wenig zugenommen. Vor zehn Jahren hatten wir uns beim Durchblättern eines Prospektes entsonnen, daß wir St. Michael schon längst kannten – vom Durchfahren nämlich. Damals hatte sich noch der ganze Transitverkehr von Salzburg nach Spittal und weiter nach Jugoslawien durch den Marktflecken gewälzt. Dann wurde eine Umgehungsstraße gebaut; der Verkehr im Ort ist heute jedoch, jedenfalls im Sommer, kaum geringer als damals.

Vor zehn Jahren waren wir die ersten Gäste einer Pension, die in einem älteren Haus gerade eingerichtet worden war. Morgen für Morgen kam die Wirtin und entzündete, während wir noch im Bett lagen, im Kanonenofen das Feuer. Längst ist hier wie anderswo Zentralheizung eingerichtet, und das Feuer flackert nur in den Kaminen, die man sich inzwischen zugelegt hat. Aus dem Landgasthof, in dem einst das inzwischen aufgelöste Amtsgericht zu Mittag aß, ein paar Vertreter abstiegen und wir abends mangels anderer Unterhaltung Canasta spielten, ist ein

Hotel geworden; daneben entstanden Festsaal und Café. An der Hauptstraße wird ein altes Haus nach dem anderen abgerissen; in einen hatte damals eine Frau noch das Spinnrad benützt. Rustikales wird jetzt von Architekten kreiert. Dieselbe Entwicklung – hin zum Unpersönlichen – wie bei uns daheim, nur langsamer.