Von Theo Sommer

Ist der Gaullismus am Ende? Steht Frankreich vor der Bildung einer Volksfrontregierung, in der Sozialisten und Kommunisten einträchtig nebeneinandersitzen – oder vor einer schweren Verfassungskrise, falls Präsident Pompidou sich weigern sollte, einer linken Mehrheit die Ministerpräsidentschaft anzutragen?

An diesem und dem nächsten Wochenende wählen die Franzosen ihre neue Nationalversammlung. Der Vorgang findet weit jenseits der gallischen Grenzen Aufmerksamkeit. Das unvermutet günstige Abschneiden des sozialistischkommunistischen Wahlbündnisses in den Meinungsumfragen hat viele aufgeschreckt. Das Wort des gaullistischen Parteivorsitzenden Alain Peyrefitte – "Wenn wir keine Fehler machen, werden wir dreißig Jahre an der Macht bleiben" – ist binnen wenigen Monaten als hohle Großsprecherei enthüllt worden.

Zum einen leisteten sich die Gaullisten einen Fehler nach dem anderen; sie wurden in eine Reihe saftiger Skandale verwickelt; obendrein blieben sie auch ohne überzeugende Repräsentation an der Spitze. Der neue Premierminister Messmer erwies sich bald als blasse Figur, zu raschem Verschleiß bestimmt. Der Staatspräsident selber flüchtete sich in die alte Drohpose de Gaulles: "Ich oder das Chaos." Zum anderen aber scheint die Vorstellung noch weiterer fünfzehn Jahre gaullistischer Herrschaft doch viele Franzosen zu verschrecken. Ça suffit – es reicht, ist eine weitverbreitete Haltung.

Gleichwohl hatte es wenige Tage vor den Wahlen nicht den Anschein, als ob die lange Agonie des Gaullismus bereits im März 1973 ihr Ende finden, der Machtwechsel sich jetzt schon vollziehen solle. Zuletzt haben die Gaullisten gegenüber der Einheitsfront um einige Punkte aufgeholt. Ohnedies begünstigt das Wahlrecht mit seinen eingebauten Prämien für die relativ stärkste Partei die Gaullisten. Noch scheint die Zeit für das vielbeschworene changement nicht gekommen. Gebrochen wird allenfalls die Alleinherrschaft der Gaullisten, nicht schon ihre Herrschaft. Aber vieles spricht dafür, daß sie sich auf die Reformisten des Zentrums werden abstützen müssen, um noch einmal eine Regierungsmehrheit zusammenzubringen. Der Glanz von ehedem ist stumpf geworden.

Ein Wunder ist das nicht. Keine Partei regiert ungestraft anderthalb Jahrzehnte lang. Schon 1967, zu Amts- und Lebzeiten de Gaulles, hatten die Gaullisten schwere Einbußen hinnehmen müssen und waren um eine Million Stimmen hinter der Linken zurückgeblieben; erst der Aufruhr des Jahres 1968 trieb ihnen dann in einer Angstabstimmung die Wähler wieder zu. Aber der Bann war gebrochen. Erst das Abtreten, dann der Tod des Generals nahmen der gaullistischen Bewegung ihr Zentrum; und eine wirkliche Partei – die sich von einer Bewegung dadurch unterscheidet, daß ihr Zweck die Unterstützung eines einzigen Mannes übersteigt – ist auch in der Zwischenzeit nicht daraus geworden. So bekamen die Gaullisten allmählich alle Nachteile einer zu langen Regierungszeit zu spüren, ohne sie durch die Vorteile wettmachen zu können, die ihnen vordem aus dem Charisma ihres Führers zugeflossen waren.

Hinzu trat ein Umstand, der angesichts des französischen Wirtschaftswunders der letzten Jahre weithin übersehen worden ist: Frankreich ist noch immer ein erstaunlich archaisches Land. Seine Wachstumsrate ist hoch, aber sie wurde durch vergleichsweise niedrige Löhne und Gehälter finanziert. Die Einkommensschere zwischen unten und oben klafft westlich des Rheines weiter auseinander als östlich. Die Autoren jener Studie des Hudson Institute, die unlängst prophezeiten, daß Frankreich 1985 das wohlhabendste Land Westeuropas sein werde, betonen zugleich, daß das französische System die größten Unzumutbarkeiten birgt. Die Wirtschaft wächst zwar schnell, nicht aber die soziale Gerechtigkeit. Dies erklärt vielleicht den Flirt auch der Kleinbürger mit der Linken.