Was Martin Esslin zur Kenntnis von Bertolt Brecht – namentlich für den englischen, den französischen Sprachraum – getan hat, für die Kenntnis Harold Pinters im deutschsprachigen Bereich, das genügte, in ihm einen der allzu seltenen echten Brückenbauer zu sehen, einen Kritiker – und hinsichtlich seiner Erfahrungen in der Hörspielabteilung der BBC auch einen Praktiker –, der die kulturelle Enge überwinden hilft, Mißverständnisse ausräumt. Seine Untersuchung einer Pinter-Verdeutschung – sie fehlt in diesem Band – gehört in eine längst fällige Anthologie großer Übersetzungsanalysen. Der Titel dieses Buches –

Martin Esslin: „Jenseits des Absurden“ – Aufsätze zum modernen Drama; Europaverlag, Wien; 294 S., 18,– DM

ist nur ein Kleiderhaken. Viele der dargestellten Dramatiker stehen entweder diesseits des Absurden (Pirandello) oder ganz woanders (Osborne), doch sind die zwei Studien über das absurde Theater selbst – ein Begriff, den Esslin in seinem theoretischen Buch einst überdehnt hatte – lesenswert, auch wenn Esslins hoffungsvoller Ausblick auf die kommende Synthese zwischen epischem und absurdem Theater (die Bühne soll dereinst mit diesen beiden avantgardistischen Flügeln zugleich flattern können) an den alten Witz denken läßt, daß Zwiebel etwas Gutes ist und Schokolade etwas Köstliches – wie gut müßte da erst Schokolade mit Zwiebel schmecken.

Am wichtigsten ist der letzte Abschnitt „England – Deutschland“. Was hier über die Schwierigkeiten der Engländer mit der deutschen Literatur gesagt wird, leuchtet ein und ist selbst ein Beispiel für die von Esslin geschilderte englische Manier, die Dinge möglichst ohne Umschweife beim Namen zu nennen. Einen kühlen Blick wirft der Theatermann aus London auf die bundesdeutsche Bühne, die ihm fast ausnahmslos in Provinzialismus und Routine erstarrt zu sein scheint – ihre revolutionären Intentionen inbegriffen.

Was Esslin über die Gottähnlichkeit des deutschen Regisseurs, über die Beamtenhaftigkeit der Schauspieler sagt, ist hart und, so meine ich, triftig. Die Suche jedes Hauses nach „möglichst originellen und sensationellen Interpretationen die die Anreise der prominenten Kritiker fürs nächste Mal sichern, das „offensichtliche Desinteressement, die mangelnde Intensität von Schauspielern, die sich so sicher, so sehr als Beamte fühlen“, die städtischen Theaterbeamten, die als Revolutionäre Aufführungen bieten, welche „weder künstlerische noch menschliche Wahrheit“ haben und für „einen von außen kommenden Beobachter lächerlich schwach erscheinen und nicht zu überzeugen vermögen“ – das alles hat natürlich seine Ausnahmen, verdiente Nuancierung.

Martin Esslin zeigt jedoch den dialektischen Zusammenhang zwischen konservativstem Unterbau und revolutionärstem Überbau des bundesdeutschen Theaterbetriebs und beweist, daß er innerhalb dieser alten, immer neu aufflammenden Diskussion mindestens der bessere Marxist ist. François Bondy