Holländische Richter haben zu einem Kompromiß in einem Fall gefunden, der als „Tötung auf Verlangen“ seit Menschengedenken die Gemüter erregt. Weil sie ihre 78jährige unheilbar kranke, schwer, leidende und ihren Tod verzweifelt herbeiwünschende Mutter im Beisein ihres Ehemannes durch eine Überdosis Morphium von ihren Qualen erlöst hatte, verurteilte das Gericht die Ärztin Dr. Geertruide Postma-van Boven zu einer symbolischen einwöchigen Haftstrafe mit Bewährung. Vor wenigen Jahren noch wäre wahrscheinlich auf eine langjährige Zuchthausstrafe erkannt worden.

Der Vorgang muß nachdenklich stimmen, aber er setzt auch ein Zeichen. Er legt unsere ganze Ohnmacht bloß angesichts einer Situation, in die jeder einzelne von uns geraten kann, wenn er das qualvolle Sterben eines ihm nahestehenden Menschen miterlebt. Auch das kann die Hölle sein: sich entscheiden zu müssen zwischen zwei gleichermaßen schändlichen wie verständlichen Verhaltensweisen, nämlich den hilflos seinen Schmerzen ausgelieferten Todkranken zu erlösen oder ihn weiterleiden zu lassen bis zum buchstäblich bitteren Ende. Wie lange hätte die Mutter noch weiterleben, wie lange ihre Schmerzen noch erdulden können? Unter Einsatz aller Mittel gewiß noch eine böse Weile. Doch fragt sich dann: Dürfen unsere so unheimlich potenten Möglichkeiten, Lebendiges am Funktionieren zu halten, eingesetzt werden, wenn sie nicht zu einem zeitgewinnenden, eine akute Notlage überbrückenden Zweck erfolgen, sondern ein offensichtlich verlöschendes, qualvolles Leben nur immer wieder künstlich weiterflackern lassen? Aber es fragt sich auch: Wer will entscheiden, wann einem solchen Sterben ein Ende gesetzt werden mag Wer will unter solchen Umständen den Augenblick für gekommen halten, eine Infusion zu stoppen und die lebenspendende Kanüle aus der Vene zu ziehen, ein Beatmungsgerät abzustellen oder die Schlafmitteldosis zu vervielfachen und also den Faden abzuschneiden, an dem das geschundene Leben noch hängt?

So gestellt, umgreift die Frage nur das halbe Problem. Denn gefragt werden muß hier auch nach dem, was an diesem Faden hängt, ob dies noch ein Mensch ist, der davonkommen, der sich wieder freimachen kann von den technischen Überlebenshilfen, oder ob es schon ein vom Tode Gezeichneter ist, ein halber Leichnam, der sein Weitervegetieren nur noch Apparaten verdankt. Ich kenne einen Arzt, der dankbar ist, daß er nie in einer Intensivstation arbeiten mußte.

Das Dilemma, in das uns das verzweifelte Sterben eines Menschen stellt, verschlägt uns in das Niemandsland zwischen dem sittlich Gebotenen und dem Verwerflichen. Es ist wie eine Mondlandschaft, dieses Land. Wir sind noch nicht in ihm zu Hause, und wir werden wohl nie recht heimisch in ihm werden können. Darum sollte Frau Postma-van Boven jetzt auch nicht in die Berufung gehen. Der Spruch ihrer Richter war salomonisch. Wir dürfen keine Freifahrtscheine erzwingen wollen für ein Tun, für dessen Rechtfertigung es allgemeingültige Maßstäbe vielleicht niemals geben wird. Theo Löbsack