Der Besuch der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir in den Vereinigten Staaten, im Zusammenhang mit dem Bemühen um eine Nahost-Lösung, steht im Schatten der Flugzeugtragödie im Sinai. Dort hatten israelische Jagdflugzeuge am Mittwoch der vorigen Woche eine Boeing 727 der libyschen Luftfahrtgesellschaft nach vergeblicher Landeaufforderung in Brand geschossen. Beim Notlandeversuch explodierte die Maschine. Die Katastrophe forderte 106 Opfer. Sieben Überlebende liegen in israelischen Krankenhäusern, darunter auch der libysche Kopilot.

Aus den bekannt gewordenen Gesprächsaufzeichnungen zwischen Besatzung und dem Tower in Kairo sowie im Cockpit selber geht hervor, daß mehrere verhängnisvolle Irrtümer zusammentrafen. Der französische Flugkapitän glaubte sich über Ägypten, wo er Kairo anfliegen wollte. Der Tower dort bemerkte den Irrtum auch nicht. Außerdem verwechselte der Pilot die israelischen „Phantom“-Jäger mit ägyptischen „MIG“-Maschinen.

Die israelischen Piloten haben, nach ihrer Darstellung vor der Presse, die Boeing mehrfach zum Notlanden aufgefordert. Aus dem Dialog an Bord der Passagiermaschine geht nicht hervor, daß diese Anweisungen Verstanden wurden. Dort lautete die letzte vernehmbare Äußerung: „Kurs beibehalten Die Israelis schossen daraufhin. auf Anweisung des Generalstabschefs Elazar – die Flügel in Brand.

Das internationale Reglement für Zwangslandungen über fremdem Gebiet sieht einen Abschuß auch bei Ignorierung der Landeaufforderung nicht vor; Verteidigungsminister Dajan rechtfertigte die Gewalt mit dem besonderen Verdacht, den das Flugverhalten der Boeing erregt habe. Sie hatte auch militärische Sperrbezirke Israels überflogen. Nach den Worten General Elazars wäre aber nicht geschossen worden, wenn Passagiere an Bord erkennbar gewesen wären.

Dajans Vorschlag, einen „heißen Draht“ für Notfälle zwischen Israel und den arabischen „Konfrontationsstaaten“ einzurichten, ist von arabischer Seite abgelehnt worden.

Darüber hinaus hat Israel den Hinterbliebenen Entschädigung angeboten. In einer offiziellen Stellungnahrne wurde die „tiefe Trauer Israels über den Tod der Passagiere“ zum Ausdruck gebracht. Golda Meir sagte in Washington, abgeänderte Befehle an die Streitkräfte würden eine ähnliche „Tragödie“ in Zukunft ausschließen.

Demgegenüber veröffentlichte der Chefredakteur der halbamtlichen Kairoer Zeitung „Al Ahram“, Heikal, einen Racheaufruf. „Schlagt zu, wo ihr wollt!“ forderte der bisher eher auf Zügelung der Fedaijin bedachte Publizist die Palästinenser auf.

Die Erregung im arabischen Lager war zusätzlich durch ein israelisches Kommando-Unternehmen im nördlichen Libanon angefacht worcen. Dort hatten israelische Truppen dreizehn Stunden vor der Flugzeugkatastrophe zwei Guerilla-Lager überfallen und zerstört. Mindestens dreizehn Palästinenser wurden getötet.