Von Hans Krieger

Psychiatrische Krankenhäuser nennt man heute, was früher als Heil- und Pflegeanstalt firmierte und im Volksmund noch immer Irrenhaus oder Klapsmühle heißt. Etwa 120 000 Menschen leben in der Bundesrepublik zur Zeit hinter den Mauern solcher Anstalten. Sie verbringen dort ein paar Wochen, Monate oder Jahre; mancher bleibt für immer da. Einige kamen freiwillig, bei vielen wurde Zwang angewendet.

Offiziell sind diese Menschen dort, weil sie an Krankheiten leiden, die ein normales Zusammenleben mit anderen Menschen unmöglich machen oder unerträglich belasten, und weil psychiatrische Krankenhäuser dazu da sind, solche Leiden zu kurieren. Ein Stab spezialisierter Ärzte entfaltet zu ihrem Wohl sein diagnostisches und therapeutisches Können, er bedient sich des reichen Angebots der Pharma-Industrie und zunehmend auch psychologischer Techniken und wird dabei unterstützt von einer Schar geschulter Pflegekräfte. Die Statistik bestätigt das medizinische Selbstverständnis: 80 Prozent Entlassungen nach höchstens vierteljährlicher Behandlung. Gewiß, da bleiben 20 Prozent, und viele der Entlassenen kehren irgendwann mit einem Rückfall wieder. Aber ist etwa jeder Krebs heilbar?

Mit was für Krankheiten sie es eigentlich zu tun haben, wissen die Psychiater selber nicht. Sie beschreiben Symptome, geben ihnen Namen und klassifizieren sie. Was in einem Menschen vorgeht, den sie „schizophren“ nennen, bleibt ein Rätsel. Ist er symbiotisch mit seiner Mutter verschmolzen und trinkt symbolisch vergiftete Muttermilch, oder hat er bloß eine noch ungenügend erforschte Stoffwechselstörung, die seine Hirnfunktionen durcheinanderbringt?

Ist er überhaupt in einem medizinisch definierbaren Sinne krank? Die Frage scheint absurd. Denn wäre er nicht krank – ja, was dann? Viele sind nach klassischen Diagnosekriterien krank und sehen nie einen Psychiater, und auch leidlich Gesunde soll schon das Schicksal psychiatrischer Internierung getroffen haben. Krankheit wird von Psychiatern üblicherweise als Behandlungsbedürftigkeit definiert – da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Psychiatrie ist eine Pseudowissenschaft wie Astrologie und Alchemie, Geisteskrankheit ein bloßer Mythos – das behauptet Thomas S. Szasz in seinem vor reichlich einem Jahrzehnt in Amerika erschienenen, nun endlich ins Deutsche übersetzten Buch

Thomas S. Szasz: „Geisteskrankheit – ein moderner Mythos?“, aus dem Amerikanischen von Thomas M. Höpfner; Walter Verlag, Olten/Freiburg; 313 S., 36,– DM.