Cierna nad Tisou, Schwarzau an der Theiß, erlebte seinen kurzen welthistorischen Moment im Sommer 1968, als die Führer des Prager Reformkommunismus sich dort mit den Herrn des Kremls trafen. Nach dem Treffen atmete die Welt auf; die Gefahr eines sowjetischen Eingreifens schien abgewendet. Kurz darauf schlugen die Russen zu.

Letzte Woche kehrte Breschnjew nach Cierna zurück – auf dem Wege nach Prag, wo der 25. Jahrestag der kommunistischen Machtübernahme mit abstoßendem Überschwang gefeiert wurde. Dem tschechoslowakischen Staatspräsidenten Ludvik Svoboda, im August 1968 einer der Aufrechten, muß sich das Herz im Leibe umgedreht haben, als er Breschnjew einen hohen Orden verlieh. Die Kollaborateure aber entnahmen dem Akt der Erniedrigung, daß die „Normalisierung“ ihr Ziel erreicht hat: Prags totale Unterwerfung unter Moskau.

Das Gedächtnis der Zeitgenossen ist kurz. Aber so schnell sollte dies nicht vergessen werden: daß die Tschechoslowakei heute der erste Staat sein konnte, in dem ein freier Kommunismus, ein Kommunismus mit menschlichem Antlitz herrscht, wenn nicht Breschnjew die sowjetischen Panzer in Marsch gesetzt hätte. Eine Europäische Sicherheitskonferenz müßte spezifische Vorsorge treffen, daß sich derlei auch innerhalb der Machtblöcke nicht wiederholen darf – wenn denn der Begriff Entspannung einen Sinn haben soll.

Th. S.