Am 4. März sind rund 31 Millionen französische Wähler aufgerufen, eine neue Nationalversammlung zu wählen. Nach Meinungsumfragen besteht dabei die Möglichkeit, daß die Gaullisten die Mehrheit verlieren. Das Pendel neigt sich zur vereinigten Linken aus Sozialisten (François Mitterand) und Kommunisten (Georges Marchais). Immerhin haben die Gaullisten (Union der Demokraten für die fünfte Republik – UDR) und das „Zentrum“ (die Reformateur um Lecanuet und Servan-Schreiber) wieder aufgeholt.

Das französische Wahlrecht, 1958 unter General de Gaulle eingeführt, hat freilich Besonderheiten, die stets die Linke benachteiligt haben. Im ersten Wahlgang treten 3140 Kandidaten in 490 Wahlkreisen an; gewählt ist, wer die absolute Mehrheit erreicht. In den übrigen Wahlkreisen findet eine Woche später ein zweiter Durchgang statt, an dem sich alle beteiligen können, die am 4. März mehr als zehn Prozent; der Stimmen erringen konnten.

Die Wahlkreise sind allerdings so geschnitten, daß in „linken Bezirken“, in Arbeiter- und Industriegegenden, mehr Stimmen nötig sind, um einen Kandidaten durchzubringen, als in traditionell konservativen Bezirken Die Stimmenzahl schwankt zwischen knapp 28 000 in ländlichen Gegenden bis über 115 000 in den Vororten von Paris. Statistiker haben errechnet, daß – das bisherige Wahlverhalten vorausgesetzt – ein Gaullist rund 27 000, en Sozialist oder Kommunist aber das Dreifache an Stimmen benötigt, um im ersten Wahlgang gewählt zu werden.

1967 erhielten die Gaullisten so mit 38 Prozent Stimmenanteil die absolute Mehrheit im Parlament; ein Jahr später mit 44 Prozent immerhin eine Sieben-Zehntel-Mehrheit in der Nationalversammlung. Sonntag kennte die UDR demnach bei 38 Prozent aller Wählerstimmen – so viel geben ihnen die letzten Umfragen – in ihren bisherigen Stammgebieten etwa 300 Sitze erringen. Die vereinigte Linke müßte sich – bei gleichbleibender „Wählergeographie“ – mit rund 170 Mandaten trotz eines Stimmenanteils von 43 Prozent begnügen.

Traditionell fällt die Entscheidung erst im zweiten Wahlgang (am 11. März). Die Umfragen zeigen, daß die Sozialisten bei den Stichwahlen wesentlich bessere Chancen haben als die Kommunisten. Die Gaullisten aber rechnen damit, daß die Kommunisten trotzdem aus Prestigegründen in vielen Fällen verhindern werden, daß ein sozialistischer Kandidat zur Endentscheidung antritt.

Staatspräsident Pompidou hat bei einer linken Mehrheit die Möglichkeit, die Nationalversammlung unverzüglich aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben. Er könnte ferner eine Volksbefragung anberaumen, in der dem Präsidenten größere Befugnisse eingeräumt werden. Ein dritter, wiewohl nur akademischer Ausweg bestünde in seinem Rücktritt und seiner anschließenden Wiederwahl. Dann könnte er Neuwahlen veranstalten in der Hoffnung, auch in der Nationalversammlung die absolute Mehrheit zu bekommen.