Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Februar

Ost-Berlin, Bezirk Pankow, eine Straße, die "Esplanade" heißt. Hier soll es bald international zugehen. Zwölf dreigeschossige Häuser, zum Teil noch im Bau, hat die Regierung als Residenzen für die von der Anerkennungsweile in die DDR gespülten Botschafter vorgesehen. Weitere zwölf Häuser sind noch geplant, aber auch das wird nicht reichen. Viel Leben gibt es vorerst noch nicht in dieser ehemaligen Kleingartenkolonie. An einem Haus hängt das Emblem der finnischen Botschaft; vor dem Haus Nr. 21 weht die einzige Fahne in dieser Straße, die der Schweiz. Seit dem 17. Januar haben die Eidgenossen hier ihre Botschaft.

Mittlerweile haben zwar fast 80 Staaten diplomatische Beziehungen zur DDR aufgenommen, davon über die Hälfte in den letzten drei Monaten, seit dem Abschluß der Verhandlungen über den Grundvertrag. Aber bis die neuen Botschaften eingerichtet sind, vergeht noch viel Zeit. Am schwierigsten ist die Suche nach geeigneten Gebäuden; die meisten Staaten legen Wert darauf, ihre Botschaft in der Stadtmitte zu haben. Den Engländern und Franzosen ist es gelungen, Häuser Unter den Linden zu bekommen. Und da war die DDR auch nicht zimperlich: Zugunsten Großbritanniens muß das auf die Beobachtung der Bundesrepublik spezialisierte "Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW)" teilweise umziehen. Auch die Österreicher werden mit Blick auf das Brandenburger Tor residieren. Die Überlegungen, ob die drei Westmächte ihre Grundstücke am Pariser Platz zum Wiederaufbau von Botschaften benutzen, sind noch nicht abgeschlossen.

Zumindest die Nato-Staaten wollen auf den besonderen Status ganz Berlins Rücksicht nehmen. So haben die Belgier – als sie jetzt ihren bisherigen Generalkonsul in West-Berlin, Houllez, zum Geschäftsträger in Ost-Berlin ernannten – deutlich gemacht, daß nach ihrer Auffassung die Eröffnung einer Botschaft in Ost-Berlin den juristischen Status ganz Berlins nicht ändere. Auch die Westmächte werden ähnliche Erklärungen abgeben, wenn es soweit ist. Die Botschafter der USA, Großbritanniens und Frankreichs werden deshalb zwar für die DDR, nicht aber für Ost-Berlin zuständig sein. Die Kompetenz für ganz Berlin bleibt weiter bei den Botschaftern in Bonn, die zugleich als Hohe Kommissare fungieren.

Andere Länder wollen dem Statusproblem Rechnung tragen, indem sie ihre Botschaft in Ost-Berlin nicht Botschaft "in" der DDR nennen – weil ja genaugenommen Ost-Berlin nicht zur DDR gehört –, sondern zum Beispiel Botschaft "bei" der DDR; oder sie verzichten einfach auf jeden Zusatz. Die Schweizer müssen sich schon Vorwürfe gefallen lassen, weil sie darauf nicht geachtet haben und als "Schweizerische Botschaft in der DDR" firmieren.

Vor zwei Wochen erst hat der Schweizer Bundesrat Hans Miesch als Botschafter ernannt; schon in Ost-Berlin eingetroffen sind Botschaftsrat Kaufmann und Konsul Kissling, dazu zwei weitere Beamte, zwei Sekretärinnen und ein Hausmeister. Nur der Chauffeur der Botschafter ist DDR-Bürger, zugewiesen von einer Dienstleistungsvermittlung des Staates.