Von Tilman Neudecker

Daß Viren nicht nur Schnupfen und Grippe, sondern auch Krebs verursachen können, ist aus Tierversuchen schon seit langem bekannt. Aber erst in neuerer Zeit sind die Wissenschaftler erfolgreich dabei, Viren auch der Beteiligung an menschlichen Krebsformen zu überführen.

Freilich stützen sich solche Befunde immer nur auf Indizien, denn der direkte Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen Virusbefall und Krebs läßt sich letztlich nur im gezielten Tierexperiment erbringen. Dennoch sind die Krebsforscher auf der Suche nach menschlichen Tumorviren nicht allein auf unsichere Analogieschlüsse aus Versuchen mit Tieren angewiesen; unzählige intensive und einfallsreiche Untersuchungen der letzten Jahre auch mit menschlichen Zellen haben Indizienketten zumindest in einigen Fällen fast lückenlos werden lassen. Viren als Ursache menschlicher Krebserkrankungen zu betrachten ist beispielsweise im Falle von Brustkrebs oder Leukämie durchaus keine vage Spekulation mehr.

Neuerdings ist man auch wieder einer Gruppe von Viren auf der Spur, die schon seit geraumer Zeit unter dringendem Tatverdacht steht, ohne daß es bislang freilich gelungen wäre, ihre Täterschaft zwingend zu beweisen. Viren der sogenannten Herpes-Gruppe – zu ihr gehört beispielsweise der Erreger der harmlosen Fieberbläschen – werden von vielen Virusforschern verdächtigt, an der Entstehung einer der verbreitesten menschlichen Krebsformen, des Gebärmutterkarzinoms, beteiligt zu sein. Überdies gibt es Anhaltspunkte dafür, daß Herpes-Viren auch bei Krebswucherungen im Bereich der Lippen ursächlich mitwirken. Beide Hypothesen haben in neuen Experimenten amerikanisch-italienischer Wissenschaftler jetzt eindrucksvolle Bestätigung gefunden. ’

Wie es Tumorviren gelingt, gesunde Zellen in Krebsviren zu verwandeln, ist noch immer nicht geklärt. „Normale“ Viren, etwa Pockenerreger, dringen in eine Zelle ein, um in einer Art molekularbiologischem Piratenstreich die Stoffwechselfließbänder der Zelle, auf Virusproduktion umzuschalten. Übliches Resultat: eine tote, ausgezehrte Zelle und zahlreiche Virusnachkommen.

Tumorviren hingegen sind offensichtlich an solchen Zellkaperungen nicht interessiert; sie bringen ihre Opfer auf sehr viel raffiniertere und für den Organismus letztlich weit folgenschwerere Weise in ihre Gewalt. Ihre Strategie zielt darauf ab, die Zelle zunächst völlig unbehelligt zu lassen, um schließlich mit Hilfe raffinierter biochemischer Tricks im zelleigenen Genbestand regelrecht unterzutauchen. Ist dies erst einmal gelungen, so ist es um die Zelle geschehen. Auf Befehl der eingeschmuggelten Virusgene durchläuft sie jetzt eine fatale Folge tiefgreifender Veränderungen, die im einzelnen zwar erst teilweise aufgeklärt sind, deren Endergebnis den Medizinern jedoch seit langem nur allzu gut bekannt ist: Aus der ehemals gesunden, der strengen Kontrolle des Gesamtorganismus unterworfenen Zelle ist unwiderruflich eine plan- und ziellos wuchernde Tumorzelle geworden, die von nun an ihre verhängnisvollen Krebseigenschaften auch auf sämtliche Tochterzellen weitervererbt – so wird eine Krebsgeschwulst geboren.

Ein Aspekt dieses offenbar außerordentlich komplexen Geschehens während der durch Tumorviren verursachten „Transformation“ einer Zelle hat vor allem die Immunbiologen neuerdings besonders beschäftigt. Vor einiger Zeit machte man nämlich die bemerkenswerte Entdeckung, daß sich Krebszellen von gesunden Zellen nicht nur in auffällig veränderten Merkmalen wie Teilungsgeschwindigkeit, Fehlen jeglicher Wachstumskontrolle und bestimmte abnorme Stoffwechselprozesse unterscheiden, sondern auch die Oberflächenstruktur einer Krebszelle in charakteristischer Weise von der einer Normalzelle abweicht.