Fritz Fischer 65 Jahre

Von Karl-Heinz Janßen

Es war wie ein Donnerschlag, als der Hamburger Historiker Fritz Fischer 1961 sein epochemachendes Buch „Griff nach der Weltmacht“ auf den Markt brachte. Eine ganze Zunft, das geschichtliche Selbstverständnis eines großen Teiles der westdeutschen Teilnation waren in die Schranken gefordert Ungeheuerliches schien da zu passieren: Deutschland, durch Hitler ins Verderben; geführt, nun auch noch der Alleinschuld am Ersten Weltkrieg geziehen, Großindustrie und Hochfinanz wegen Komplicenschaft mit dem wilhelminischen Imperialismus auf die Anklagebank Versetzt. Der Publizist Paul Sethe war nach der Lektüre tief erschüttert von dieser überwältigenden Dokumentation deutscher Hybris – der Historiker Gerhard Ritter, Nestor der westdeutschen Geschichtswissenschaft, hingegen sprach empört von Flagellantentum. Längst sind die Leidenschaften abgeklungen, ein zweites, im Grunde noch brisanteres Buch desselben Autors („Krieg der Illusionen“) wurde 1965 ziemlich geräuschlos zur Kenntnis genommen – Fritz Fischer ist binnen eines Jahrzehnts zum Klassiker geworden, seine Wirkung auf die zeitgeschichtliche Forschung im In- und Ausland ist unbestreitbar: die Festschrift, die ihm dreißig Schüler, Freunde und Kollegen zu seinem 65. Geburtstag am 5. März dargebracht haben, bezeugt es:

„Deutschland in der Weltpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts.“ Hrsg. von Imanuel Geiss und Bernd Jürgen Wendt; Bertelsmann Universitätsverlag, Düsseldorf 1973; 600 S., Folieneinband 38,– DM, gebunden 59,– DM.

Als Forscher und Lehrer, ist Fritz Fischer, wie die Herausgeber treffend bemerken, für die letzten vier Jahrzehnte deutscher Geschichtswissenschaft ebenso typisch wie atypisch. Aufgewachsen im oberfränkisch-bayerischen Kulturkreis, also außerhalb Preußens, verlegte er sich zunächst, auf die Theologie. Er war bereits ein gestandener Lic. theol. habil., ehe er 1937 bei den Historikern Fritz Hartung und A. O. Meyer über die Rolle des liberal-konservativen Rechtsgelehrten und Savigny-Schülers Moritz August von Bethmann Hollweg innerhalb des deutschen Protestantismus promovierte. Bedenkt man den „Zeitgeist“ jener Tage, so wirkt es fast wie ein Fanal, daß sich der knapp dreißigjährige Fischer als Studienobjekt einen Mann erwählte, der obrigkeitsstaatliche Willkür durch Recht und Verfassung begrenzen wollte.

Die Katastrophe des Deutschen Reiches 1945 stellte die Historiker vor harte Gewissensfragen. In ihrer Mehrheit gingen sie den Weg, den ihnen der greise Friedrich Meinecke und der Goerdeler-Freund Gerhard Ritter vorzeichneten: zwar selbstkritisch, aber selbstbewußt die von allen Seiten abflutenden Verleumdungen unserer nationalen Geschichte abwehrend, um vom guten deutschen Namen zu retten, was noch zu retten war. Fischer schlug einen anderen Weg ein: die radikale Neuorientierung, die unerbittliche Abrechnung mit der jüngsten Vergangenheit ohne Rücksicht auf die Wirkung drinnen wie draußen.

Aus dem Angelsächsischen übernahm er neue wissenschaftliche Methoden und Instrumentarien: weniger die „großen“ Männer, die 1870 und 1914 „Geschichte machten“, interessierten ihn, mehr die bis in unsere Tage fortwirkenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ideologischen, psychologischen und kulturellen Triebkräfte, von denen sie getragen oder auch bewegt wurden. Er gab sich nicht zufrieden mit der bequemen These, Hitler sei nur ein Betriebsunfall der Geschichte gewesen. Kontinuität hieß das zündende Stichwort, das er in die Arena warf – längst haben andere, seines Fachs es aufgenommen.