Nach den Super-Highways, den Holiday-Inn-Motels (Amerikas funktionellen Schlafmaschinen), den Howard-Johnson-Schnell-Restaurants am Rande der Super-Highways wirkt das New Yorker Hotel „Algonquin“ wie ein privater Salon, in den man sich eingeladen fühlt, sobald die willkommenheißende Rezeption dem Gast den Schlüssel überreicht. „Good, you are back – wie war das Wetter in Phoenix?“ fragt die Empfangsdame einen Graumelierten mit Samsonite-Gepäck, und kein Zweifel kann daran sein, daß sie auch über Helen Hayes Lieblingssalattunke und Laurence Oliviers Feigen-Nuß-Schälchen auf dem Nachttisch Bescheid weiß. Fühlen Sie sich zu Hause. Das heißt: Entspannung in plüschenen Ohrensesseln, auf samtenen Sofas, Zeitunglesen (man liest „Times“ oder „New Yorker“) beim Scotch, Cognac oder Tee. Kellner warten unauffällig hinter hohen, eichenen Säulen auf Ihre Wünsche. Man kommt sich vor wie auf Besuch bei vornehmen Verwandten.

Der holzvertäfelte Aufzug, immer noch nicht durch allzuviel elektronischen Knöpfchenkram „entpersönlicht“, bringt die Gäste nach oben zu ihren Zimmern. Statt einer USA-Super-Suite à la Hilton oder Americana-Hotels findet man kleine, hübsche Mahagonischlafzimmer mit Blumenstichen, Schreibtischchen und altertümlichem Kachelbad. Ganz diskret steckt der Fernseher in einem polierten Schränkchen. Der Preis für die ganze Pracht beträgt rund 30 Dollar pro Doppelbett. Bedenkt man dazu, daß das Algonquin keine Reklame für sich macht, also ein Geheimtip ist, der im Vertrauen an Würdige weitergegeben wird, dann scheint es seinen Preis wert zu sein.

„Gut“ ist das einzige Attribut, mit dem der Automobil-Club seinen Mitgliedern dieses Unterkommen im AAA-Tourbook empfiehlt. Nun, das Algonquin macht auch keine große Reklame, es sei denn durch das Bell Telephone System, das vor einiger Zeit in allen führenden Illustrierten ganzseitig inserierte, daß die englische Mini-Queen, Mary Quant, an Amerika vor allem „Corned Beef on Rye, das Bell Telephone System und das Hotel Algonquin liebt.

Besonders geschätzt wird der King-Edward-Stil des Hauses, der mitten im New Yorker Trubel, antiavantgardistische, gepflegte Behaglichkeit verspricht und alle Renovierungen unbeschadet überstanden hat. Das ging sogar so weit, daß Sessel, auf denen Berühmtheiten wie Norman Mailer, Jean Luc Godard, Oskar Werner und Simone Signoret gesessen haben, nur unter äußerster Geheimhaltung neu bezogen werden konnten. Konservatives wird gehütet, Extravagantes geduldet. Zum ersteren gehört, daß Freunde des Hauses, wenn erwünscht, im braunen Rolls-Royce vom Flugplatz abgeholt werden. Zum zweiten, daß Rudi Gernreich seine aufreizenden Reißverschlußverkleidungen und Mary Quant ihre fransigen, weichen Lederhosen durchaus im gold-weiß-roten Diningroom zur Schau stellen durften.

Von den Algonquin-Gästen sagt man, daß sie den hauseigenen Lammrücken, das Roastbeef und den Yorkshire-Pudding lieben, Weinkenner sind, von Konversation und Kritik etwas verstehen und Personen vorziehen, die sich noch nicht durch ein Brustschildchen als Mr. Soundso von der Soundso-Gesellschaft ausweisen. Cocktailstunden rund um die Großpapa-Standuhr gehören zum Algonquin ebenso wie das Nachthüten im Anschluß an den Theaterbesuch am Broadway (der zu den Pflichtübungen zählt). Die Intimität geht so weit, daß George, der Keeper in der altenglisch eichenpanierten „Blauen Bar“ (die eigentlich braun ist), durchaus den letzten Drink, der über den Durst hinaus geht, verweigern darf.

Weder die progressive stählerne Schönheit des PanAm-Gebäudes am Anfang der 44. Straße noch die zweideutige Luft um die Huren an ihrem Ende haben dem gestrigen Prunk des Algonquin etwas anhaben können. Und so trifft man sich weiterhin in diesem gepflegten Ambiente: Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, Modeschöpfer, Musiker, Schriftsteller, Intellektuelle und Industrielle mit künstlerischen Interessen. Und wie in alten Zeiten weht hier Zeit- und Freigeist, und manch bissiges Bonmot wird hier immer noch erfunden.

Der Stadtrat hat das Algonquin als denkmalswürdig vorgeschlagen, aber die Besitzer sind nicht besonders scharf darauf, sie wollen unabhängig bleiben und außerdem paßten auch auf keine hoch so große Plakette die Namen aller Stars, die hier geschlafen haben.