Der Autodiebstahl ist zu einem rasch expandierenden Gewerbe geworden

Jeder Autofahrer jenseits der Alpen muß nach der neuesten italienischen Statistik damit rechnen, daß ihm in seinem Leben der Wagen gestohlen wird. Im vergangenen Jahr erbeuteten die Autodiebe in Italien 240 000 Wagen. Das ist neuer europäischer Rekord. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik wurden während der gleichen Zeit 65 000, in Frankreich 60 000 und in England nur 25 000 Autos gestohlen. Allein in Mailand verschwinden jährlich ebenso viele Wagen wie in ganz Großbritannien.

Der Autodiebstahl ist innerhalb weniger Jahre zu einer gut organisierten Industrie geworden, die jährlich rund ein Siebtel der gesamten Neuzulassungen „aufarbeitet“. Die italienischen Versicherungsgesellschaften schätzen, daß der Gesamtschaden in dieser „Branche“ für die Volkswirtschaft jährlich eine halbe Milliarde Mark erreicht. Da freilich nur jeder zweite Eigentümer eine Autodiebstahlversicherung abgeschlossen hat, treffen die Verluste Italiens Versicherungsgesellschaften nicht mit voller Wucht. Vor allem in Neapel, wo im Verhältnis zu den im Verkehr befindlichen Autos am meisten gestohlen wird, ist die Zahl der Diebstahlversicherungen besonders niedrig.

Aber das Ergebnis erschreckte die Assekuranz auch so! Nach vorläufigen Schätzungen betrug die Durchschnittsschadenquote im vergangenen Jahr 106 Prozent. Das heißt, für 100 Mark eingenommene Prämie mußten die Versicherer 106 Mark auszahlen. Mit drastischen Prämienerhöhungen versucht man jetzt, zunächst einmal die Verluste einzudämmen. Die neue Art der Prämienberechnung zeigt deutlich, wo des Übels Wurzel liegt! Es sind danach vor allem die Süditaliener, die mein und dein auf Rädern nicht unterscheiden wollen.

Für die Prämienermittlung ist Italien in drei Zonen eingeteilt worden. In der ersten Zone sind Autodiebstähle „sehr häufig“. Es wird jeden Italien-Touristen interessieren, daß Neapel in dieser Skala an erster Stelle vor Salerno steht und daß dann eine Reihe von Städten in Apulien und Sizilien folgen.

In der zweiten Kategorie von Orten mit „häufigen“ Autodiebstählen liegen einige norditalienische Großstädte mit besonders hohem Bestand an süditalienischen Gastarbeitern: Mailand, Genua, Turin, Bologna. Auch die Hauptstadt Rom mit ihrem hohen Anteil an Süditalienern liegt in dieser Kategorie, zu der außerdem der Rest von Sizilien und Süditalien gehört. In der dritten Kategorie, zu der neben Südtirol und Sardinien das ganze übrige Italien zählt, zahlen die Versicherten mit 15 Promille des Autozeitwerts nur die Hälfte des Tarifs der ersten Gruppe.

Die Autoknackerorganisationen gehören zu den wenigen italienischen Industrien, die ohne Streiks rund um die Uhr arbeiten. Allerdings errechnet die Statistik eine Reihe besonders „produktiver“ Stunden: Samstag früh zwischen drei und fünf Uhr wechseln besonders viele Wagen den Besitzer.