Der Montaigne-Preis ist bisher, und zwar schon fünfmal, in Tübingen vergeben worden. Der sediste Preisträger ist René Maheu, der Generaldirektor der UNESCO, und die Feier fand in Paris statt. Für diesen Wechsel des Schauplatzes sind zwei Erklärungen möglich: Ein Mann, der Einblicke in die Tübinger Verhältnisse hat, meinte, womöglich hätten die Studenten Krach gemacht, und dies aus keinem anderen Grunde, als Krach zu machen. Die andere Erklärung wurde durch den Augenschein gegeben: Da die Feier im Luxembourg-Palais stattfand und unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Pöher, kann man sich kaum einen Rahmen denken, der festlicher wäre. Es war eine deutschfranzösische Feier, speziell eine hamburgisch-pariserische.

Es war da von Exzellenzen und Botschaftern und sogar von einem Kardinal die Rede, als Alain Poher, der liebenswürdige Hausherr und leidenschaftliche Europäer, die Versammlung begrüßte. Der Hamburger Gründer der Freiherr-vom-Stein-Stiftung, der Großkaufmann Toepfer, war zugegen. Von ihm rühren das Geld (25.000 Mark) und die Idee, durch den Montaigne-Preis eine Persönlichkeit aus dem romanischen Bereich zu ehren, welche die „geistigen Werte Europas und seine Weltoffenheit bewahren“ hilft. Aus deutschem Bereich kam wohl der Gedanke, ein Streichquartett um Mitwirkung zu bitten. Da zeigte sich mit Schuberts Hilfe, daß der Festraum, nämlich die „Salle Medicis“ eine betörend schöne Akustik hat. Viele schauten verträumt, andere aber auf die Uhr, und ich will hoffen, daß die Träumer die Deutschen, die Nervösen die Franzosen waren, denn da die Feier am späten Vormittag stattfand, kam die Tischzeit. Ein junger Mann, ein französischer Pressephotograph, vergaß sich allerdings unter dem Zauber der Streichmusik so weit, daß er zum Streichholz griff, um sich eine lange, dünne Zigarre anzuzünden. Sichtlich war erder deutschen Sitte, ehrenvolle Preise in schöne Musik zu verpacken, nicht gewachsen.

Hier haben also die Franzosen noch viel von uns zu lernen, während wir in anderer Hinsicht schöne Fortschritte gemacht haben: Guckten wir den Photographen drohend an, zupften wir ihn am Ärmel, zeigten wir ihm den Vogel, um ihm begreiflich zu machen, daß bei Preisverleihunjen nicht geraucht wird, schon gar nicht im Palais der Maria di Medici? Nein, wir blieben genau so still wie die Franzosen, schnupperten höflich den Rauch und bewunderten eher den einsamen Helden, der das Rauchen dann auch aufgab, lange ehe die Zigarre am Ende war. Der Germanist Robert Minder vom College de France, dessen Stimme in der internationalen Jury des Montaigne-Preises ausschlaggebend gewesen war, setzte so weise wie effektvoll Satz um Satz zu einem Porträt des UNESCO-Leiters zusammen, daß man eine Ahnung davon erhielt, was an Willenskraft, guten Nerven, Intelligenz, Charisma und Idealismus dazu gehört, diese weltweite Kulturorganisation der UN zu steuern.

René Maheu, schmalgliedrig, witzig und souverän, sprach und prägte sich sofort als eine bedeutende Figur ins Gedächtnis ein. Er ist Südfranzose, war Jahrgangsgenosse von Sartre auf der elitären Ecole Normale zu Paris. Aber da der Montaigne-Preis aus Deutschland kam, erwähnte er dankbar die Jahre, die er als Dozent der Philosophischen Fakultät in Köln verbrachte. Er verließ Deutschland, als Hitler kam. Maheu hat in der algerischen Verwaltung gearbeitet, ehe erzur neugegründeten UNESCO stieß, die er seit zehn Jahren dirigiert. Ein „Welt“-Beamter quasi, der sich zum Geist von Europa bekennt und zugleich vor europäischem Hochmut warnt. Zusehends gewann seine Rede politischen, eigenständig politischen Inhalt, als sei Kultur eine Art von Politik.

Quartett – schnell wieder Quartett. Diesmal Ravel. Derweil sah man nachdenkliche Gesichter, auf denen womöglich die Frage stand: Kulturpolitik – wo fängt sie an, wo hört sie auf? Außerdem war es nun wirklich Zeit, zum Essen zu gehen.

Alain Poher erwischte eine Fermate im Quartett und nutzte die anschließende musikalische Pause aus. Während die Bögen sich wieder auf die Saiten senken wollten, sagte er blitzschnell: „Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen.“ Montaigne, der ein Lebenskünstler war, wenn auch mit gehörigem Pessimismus, hätte diese Weisheit gelobt.