Nun hat dieses im Ersten Weltkrieg entstandene Manuskript also doch noch das „Licht der literarischen Welt“ erblickt, nachdem es über fünfzig Jahre lang von Lektorat zu Lektorat, von Verlag zu Verlag wanderte –

Bohuslav Kokoschka: „Logbuch des B. K.“, Roman; Ehrenwirth Verlag, München; 446 S., 38,– DM.

Über den Autor kann man im Anhang (als einziger biographischer Quelle) zur Neuausgabe der berühmtesten expressionistischen Buchreihe „Der Jüngste Tag“ nachlesen: „Bohuslav Kokoschka. Geboren in Wien, wo er heute lebt. Mehr wünscht der Autor – Bruder Oskar Kokoschkas – nicht von sich preiszugeben.“ Im folgenden erfährt man dann – aus einem von Kokoschka selber verfaßten Text – noch, daß er mit Ausnahme des Bändchens Aufzeichnungen „Adelina oder Der Abschied vom neunzehnten Lebensjahr“ als Band 76/77 des „Jüngsten Tags“ zeitlebens keinen seiner Romane und keins seiner Dramen zu publizieren vermochte und sich daher als verkanntes Genie fühlte.

Der Klappentext vergleicht Kokoschkas Arbeitsmethode mit einer „Puppe in der Puppe“: „Eine Geschichte öffnet sich, und eine neue fällt heraus, die sich wieder öffnet, und so fort.“ Das klingt einleuchtender, als es im Buch zum Ausdruck kommt. Denn im Grunde hat Kokoschka nur verschiedene Ebenen miteinander verwoben: Da erzählt er, wie eines der Postmädchen in einer jugoslawischen Küstenstadt auf mysteriöse Weise in den Besitz eines umfangreichen Manuskriptes gelangt, das ein Fremder in der Stadt zurückließ. In diesen Blättern berichtet ein Wiener Geiger von seinem Kriegseinsatz bei einem Musikzug der k.u.k. Marine. In diesen Bericht sind wiederum Tagebuchblätter einer jungen Wienerin sowie Geschichten von Kameraden des Schreibers und deren Angehörigen eingeflochten, Geschichten, die dem Erzähler während verschiedener Arreste einfallen. Dieses Manuskript nun wird von den Postmädchen „verschlungen“, richtet Zwist und Verwirrung unter ihnen an und verändert ihr Leben grundlegend ...

Das ganze Buch ist äußerst verworren, konfus und planlos angelegt und läßt keinerlei roten Faden, Konzeption und Zusammenhang erkennen. Und dazu noch dieses grauenvoll manierierte, oft einfach unmögliche Deutsch: die dauernde Verwendung des Partizip Präsens, die Relativsätze und Verschachtelungen, falsche Wortstellung, ermüdende Wiederholungen und vor allem der enervierende Gebrauch von koordinierenden „und“-Sätzen. „Mit klingendem Spiel überquerten wir auf unserer Straße einen Schienenstrang, dem viele mit den Händen Grüße zuwinkten, ja, die Schienen, sich niederbeugend, mit den Händen streichelten, ihrer Heimat Koseworte zurufend, und gelangten mittags an den Landungsplatz, wo wir uns, die dort wartenden Bootsleute beim Kartenspiel störend, einschifften.“

Dieser holprige Stil kann nicht bewußt gewählt worden sein (etwa als Ausdruck für die stilistische Unbeholfenheit des jungen Geigers), da er nämlich auch in der Rahmenhandlung und in einigen der Nebengeschichten so vorkommt. Eine einzige von ihnen erscheint mir inhaltlich wie auch stilistisch gelungen, nämlich das wie eine Zeichnung. von Käthe Kollwitz wirkende, ungemein dichte und poetische Kapitel „Angela“.

Von der einen Geschichte jedoch abgesehen stellt das „Logbuch des B. K.“ ein wildes Potpourri von Angelesenem aus den Werken der damals gerade modernen, zumeist im „Jüngsten Tag“ erstmals publizierten Autoren dar. So stammt sein Pathos von Nietzsche und Edschmid, kommen die satirisch-parodistischen Elemente von Mynona oder Hans Reimann und die eher surreal-absurden Einschläge von Kafka. Kurzum: dieser Roman enthält von allem etwas, wie es in dieser abstrusen und massiven Form selbst im epigonalsten Spätexpressionismus – von seinem gesamten Duktus her muß das „Logbuch“ zu dieser Literaturepoche gerechnet werden – nicht noch einmal vorkommt. Undenkbar wäre das Buch übrigens ohne Gustav Sacks 1917 erschienenen, genialen und einflußreichen Roman „Ein verbummelter Student“.

Fazit der Rezension: Die Sucht nach literarischen Entdeckungen und die Manie, alle Literatur aus Österreich – stamme sie nun von der älteren, den Untergang der Donaumonarchie beschreibenden Generation oder von der Avantgarde im Gefolge eines Handke, Thomas Bernhard oder der Wiener Konkreten Gruppe – unbesehen zu drucken, treiben die seltsamsten Blüten. Mit dem „Logbuch des B. K.“ dürfte einstweilen der Höhepunkt dieser Krankheit erreicht sein. Thomas B. Schumann