Neu in Museen und Galerien:

Bonn Bis zum 11. März, Rheinisches Landesmuseum: „Fortunato Depero“

Die italienische Botschaft in Bonn hat die Ausstellung organisiert, die vom Rheinischem Landesmuseum nach Saarbrücken und Hannover weitergeht. Mit rund hundert Arbeiten wird ein Künstler vorgestellt, der seit fünfzig Jahren (liest man im Katalog) in Deutschland nicht mehr zu sehen war, eine informative und unterhaltsame Veranstaltung, die unsere viel zu enge Vorstellung vom Futurismus erweitert, korrigiert und an die aktuelle Diskussion heranführt. Für Depero (1892 bis 1960) war der Futurismus kein temporäres Ereignis, keine leidenschaftliche, glückliche Jugenderfahrung, Er hat sich bis zum Ende, als der Futurismus längst vorbei und politisch korrumpiert war, dazu bekannt. Und als er in Rovereto, wohin er sich schließlich zurückgezogen hatte, ein Museum für sein Werk gründete (Rovereto: man sollte sich den Ort und das Museum Depero für die nächste Italienreise vormerken), nannte er es das „erste futuristische Museum“. 1913 war Depero in Rom zu den Futuristen gestoßen. 1915 veröffentlichte er mit Balla das Manifest „Ricostruzione futurista dell’universo Und was er darin in poetischer Prosa verlangt, hat ihn für den Rest seines Lebens motiviert: Für ihn ist der Futurismus das Instrument, um die Welt fröhlicher zu machen. Das unterscheidet ihn von Boccioni und Severini und ihrem humanitären Pathos. Depero hat Humor, farbigen, keinen schwarzen Humor. Seine „geometrischen Konstruktionen einer Frau“ sind witzige Aperçus, und seine Gliederpuppen sind keine metaphysischen Requisiten, sondern simples Spielzeug. Die Malerei wiederum ist nur eines und nicht das wichtigste Medium im futuristischen Lebensprogramm. Zwischen 1914 und 1917 hat er seine „rumoristischen Apparate“ gebaut, bewegliche und außerdem auch noch lärmerzeugende Skulpturen, die das Prinzip der Kinetik und der Materialassemblage vorwegnehmen. In seinem Schauspiel „I balli plastici“ läßt er rhythmisierte Automaten an Stelle von Schauspielern agieren auf einer mit Lichtern und Schatten programmierten Bühne, wie das ähnlich und technisch perfektionierter gerade Nicolas Schoeffer in der Hamburger Staatsoper praktiziert hat. Selbst die Mode wollte Depero futuristisch revolutionieren, nämlich fröhlicher machen, als er seinen „Visionsanzug“ und futuristische Westen auf den Markt brachte. Schließlich hat er auch auf dem Gebiet der visuellen Poesie Pionierarbeit geleistet.

Gottfried Sello

München Bis zum 20. März, Galleria de Levante: „WernerTübke, Zeichnungen“

In letzter Zeit war aus den verschiedensten Richtungen der Ruf nach einer Kunst zu hören, die der „inzwischen stupiden Idee des Avantgardismus“ eine Absage erteilt. Hier ist sie. Werner Tübke, ein vieldiskutierter und vielbewunderter Künstler aus der DDR, ist ein Akademiker reinsten Wassers – mit allen Vorzügen eines solchen: souverän in der Beherrschung seiner Mittel, vom formalen Können her meisterhaft. Altmeisterhaft, um genau zu sein. Seine Kunst orientiert sich an vergangener Kunst, konkret: an einer Tradition, die von Grünewald bis Otto Dix reicht. Tübke bewegt sich im Rahmen von künstlerischen Normen, die überkommen, aber mit überzeitlicher Gültigkeit versehen sind, für ihn wenigstens. Und er bewegt sich darin mit erstaunlicher Sicherheit. Da er nun offensichtlich nicht beabsichtigt, über längst Geschehenes mit den künstlerischen Mitteln von einst zu berichten, sondern Gegenwart (oder in die Gegenwart hineinwirkende Geschichte) zu schildern vorhat, gerät er unversehens in Schwierigkeiten: Form und Inhalt – Kategorien, denen er nicht ausweichen kann – drohen auseinanderzufallen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Tübke einen russischen Bauernmarkt von heute in der Art einer altniederländischen Genreszene darstellt, wenn er das Treiben am Strand gewissermaßen mit den Augen Menzels beobachtet. Kritisch wird das Verfahren, wenn ihm eine Zeichnung zum „Blutmai 1929 in Berlin“ Anlaß wird, virtuose Stilmimikry zu demonstrieren – Stücke von Baldung Grien, Dürer, Mantegna und Jacques Courtois lassen sich nicht zur deutschen Wirklichkeit vor 1933 montieren. Tübke wird hier zum Gefangenen seiner Manier, die ihm untersagt, Verständigungsmittel von heute zu benutzen. Vielleicht hat Tübke erkannt, daß er dadurch in eine Sackgasse geraten ist. Ein Indiz dafür scheint mir die Zeichnung „Schlittschuhlaufen“ zu sein, worauf inmitten breughelsch ausufernder Schilderung zwei sehr eigenartige Fremdkörper zu sehen sind: einige spätgotische Draperiestudie links unten, und rechts oben, auf hohem Sockel, eine Skulptur – eines der „Drei aufrechten Motive“ (1955/56) von Henry Moore. Tübke, das sollte man nicht vergessen, lebt in einem Land, in dem der sozialistische Realismus Staatskunst ist.

Helmut Schneider