In diesen Wochen werden die evangelischen Kirchen wieder so voll sein, wie man es nur von Weihnachten und von Beerdigungen her kennt. Die 14- bis 15jährigen Mädchen und Jungen werden konfirmiert oder, wie man auch sagt, eingesegnet. Zwei Jahre lang gingen sie regelmäßig zum Konfirmandenunterricht und besuchten den Gottesdienst.

Auch ich bin brav zur Kirche gegangen und habe mich konfirmieren lassen. Damals war ich in einem Alter, in dem ich noch keine Kritik üben konnte, denn zur Kritik wurde ich nicht erzogen. Ich saß meine Stunden im Konfirmandensaal ab, sang Lieder in einem schwer verständlichen Text, las die Bibel, lernte die Zehn Gebote auswendig und war froh, wenn die Stunde vorüber war.

Von anderen Klassenkameraden erfuhr ich, daß sie zu jeder Stunde Lieder und die Gebote mit Erklärung auswendig lernen mußten, man fragt sich, warum. Am Sonntag im Gottesdienst langweilte ich mich während der Predigt, einige vertrieben sich die Zeit mit dem Lesen von Comic strips.

Nach zwei Jahren Konfirmandenunterricht nahte der Sonntag der Konfirmation, dem eine Prüfung vorausging. In vielen Gemeinden mußten die Prüflinge ihre Lieder und Gebote „herunterleiern“ können. Vier Wochen vor der Konfirmation wurde der dunkle Anzug gekauft. Zu Hause wurde geplant, wieviel Torten gebacken werden müssen; man fragte sich, wer alles kommt. In der Verwandtschaft und im Bekanntenkreis ließ man verlauten, was sich der Konfirmand wünscht.

Am Konfirmationssonntag wurde der Mittelgang der Kirche zu einem Laufsteg für dunkle Anzüge und weiße Kleider. Die vielen Muttis bekamen wässerige Augen. Der Pastor sprach mahnende Worte zum weiteren Lebensweg. Jeder erhielt seinen Konfirmationsspruch, den man sofort wieder vergaß. Am Nachmittag kam die Verwandtschaft, um zu gratulieren und möglichst gut zu essen. Es wurden. Unmengen von Torten und Kuchen aufgefahren, am Abend gab es weitere Delikatessen, das Ganze glich einer Massenabfütterung. Das Essen wurde zur Prestigeangelegenheit. Wer kann noch mehr Geld für das Menü ausgeben? Einer wollte den anderen übertreffen, was auch für die Geschenke galt.

Das Wort Konfirmation (lat. confirmatio = Befestigung) ist wie folgt im Brockhaus definiert: „Einsegnung der getauften jungen Christen in einer kirchlichen Feier der evangelischen Kirche, womit die Zulassung zum Abendmahl und das Recht zur Patenschaft verbunden ist.“ Mit der Konfirmation soll man bestätigen, daß man weiterhin, nachdem man durch die Taufe in die christliche Gemeinde aufgenommen wurde, Mitglied der Gemeinde sein will. Man wird aber in einem Alter konfirmiert, in dem man diese Probleme noch nicht überblicken kann. Die Eltern nehmen dem Konfirmanden praktisch die Entscheidung ab. Sie sorgen dafür, daß ihr Kind regelmäßig zur Kirche geht und einen dunklen Anzug während des Konfirmationssonntags trägt.

Während des Konfirmandenunterrichts war ich vom christlichen Glauben hell begeistert, auch wenn mich die Gottesdienste langweilten. Aber heute, vier Jahre später, sehe ich die Dinge anders. Worauf ich hinaus will, ist dies: Die Konfirmation findet in einem zu frühen Alter statt. Warum konfirmiert die Kirche ihre Glaubensgenossen nicht in einem Alter – etwa im 19. Lebensjahr –, in dem sie selbständig denken können, die Vor- und Nachteile des christlichen Glaubens abwägen und sich über andere Religio- – nen orientieren können?