/ Von Ben Witter

Es ist zuviel Weiß in Professor Schillers Büro. Der Schreibtisch war aufgeräumt. Ich fragte mich, wann hat er zuletzt da gesessen? Der antike Mörser auf der Schreibtischplatte müßte beim Arbeiten stören. Das Bücherregal war halb voll. Zuerst dachte ich, die Bücher stehen da nur, weil ein Bücherregal ins Büro gehört. So geordnet konnte es auch in einem Ausstellungsraum für moderne Büromöbel stehen. Die anderen Einrichtungsgegenstände paßten ebenfalls dorthin.

Professor Schiller saß auf dem Sofa, den rechten Arm mit der Zigarette auf der Lehne. Das groß karierte Sakko bildete einen Kontrast zu dem vielen Weiß und das Mattweiß gestreifte Oberhemd und die dunkelblaue Krawatte mit den weißen, dicken Punkten.

Ich sagte etwas über das Halten von Zigaretten; im Krieg hielt man die Zigarette meistens unter der gewölbten Hand und klemmte das Mundstück zwischen Daumen und Zeigefinger. Professor Schiller sprach vom Rußlandfeldzug; sie hatten Gefangene gemacht und denen gleich Zigaretten gegeben. Dadurch hatte man sich schneller verständigt.

Ich sagte: „Und manchmal versuchte man mit der Zigarette unter der gewölbten Hand auch schnell mit sich ins reine zu kommen.“ Professor Schiller betrachtete seine Zigarette und sagte: „In der Rolle des Einzelkämpfers, die ich seit dem letzten Sommer einnehme, hat man in dieser Gesellschaft keine gute Position. Der Vorhang ist lautlos heruntergegangen. Nur zwei ehemalige Fraktionskollegen erkundigten sich bisher, wie es mir geht.“

Eine Pause folgte, und Professor Schiller drückte die Zigarette aus: „Als ich aus dem Kabinett ging, handelte es sich doch um echte Sachkonflikte. Aber alles lief zu schnell in eine andere Bahn. Ein paar Tage später folgte die Enttäuschung über Herbert Wehner. Ich stand mit ihm eigentlich immer gut, aber aus wahltaktischen Gründen wollte er es zu einem Konflikt treiben und griff mich auf einer Kundgebung in Hamburg-Harburg rücksichtslos an ...

Nachdem ich meinen Brief geschrieben hatte, blieb ich ja noch ein paar Tage im Amt. Dann wurde ich zu Heinemann gerufen. Das war der totale Bruch. Nach einer halben Stunde kamen noch unsere Frauen hinzu. ,Wieviel Pension kriegst du eigentlich?‘ fragte mich Heinemann. Er sah mich auch nicht mehr als Abgeordneten im neuen Bundestag, er ging auf Abnabeln und Absägen los. Seine Frau war sehr mitgenommen. Sie sagte: ‚Gustav, erinnerst du dich noch an 1950 und deine Entscheidung damals? Da hast du immer gesagt: ‚Rührt sich der Heuss denn gar nicht?‘ Heinemann sagte zu mir: ‚Ach, weißt du, ich war in Berlin in den letzten Tagen ... ja, was ist da noch zu machen ...‘Ich war erledigt. Aber Frau Heinemann hat mir sehr imponiert ...“