Von Hans Otto Eglau

Mit der von Thyssen angestrebten Einverleibung des Essener Rheinstahl-Konzerns dürfte in Kürze wohl der spektakulärste Konzentrationsfall der letzten Jahre über die Bühne gehen. Der durch das Zusammengehen der beiden Unternehmen entstehende Industriegigant wird mit einem Umsatz von rund 17 Milliarden Mark das zweitgrößte Unternehmen der Bundesrepublik sein.

Daß die Übernahmeofferte Thyssens an die Rheinstahl-Aktionäre keine Welle öffentlicher Kritik auslöste, ist nicht verwunderlich. Immerhin ist es keine ganz neue Erkenntnis, daß das allgemeine Empfinden für die Wettbewerbs- und gesellschaftspolitischen Folgen industrieller Machtzusammenballung hierzulande nicht besonders entwickelt ist. Es mag sein, daß dies einmal anders sein wird, möglicherweise durch die zur Zeit im Bundestag beratene Kartellnovelle, die ja die Einführung einer vorbeugenden Fusionskontrolle vorsieht. Warum sollte bei uns nicht auch so etwas wie ein Gewissen gegenüber Wettbewerbsverstößen entstehen, so wie in den letzten Jahren praktisch aus dem Nichts ein recht waches Umweltbewußtsein entstanden ist?

Mit seinem – nach anfänglichem Leugnen – zugegebenen Interesse an einer Übernahme des Rheinstahl-Konzerns macht es der Thyssen-Chef seinen Kritikern diesmal allerdings nicht ganz einfach. Denn mit der von ihm angestrebten Fusion würde Sohl auf dem von starkem internationalen Wettbewerb geprägten Markt bei weitem keine beherrschende Stellung erringen. Immerhin ist Thyssens Rohstahlkapazität etwa zehnmal so groß wie die Rheinstahls. Auch wenn die beiden Ruhrkonzerne im Edelstahlgeschäft auf einen Marktanteil von rund 60 Prozent kommen, ist der Fall wettbewerbspolitisch nicht annähernd so brisant wie die vor fünf Jahren zwischen Thyssen und Mannesmann vollzogene Röhrenfusion. Daß Sohl den für sein Rheinstahl-Projekt erforderlichen Segen aus Brüssel erhält, bezweifelt kaum jemand.

Wenn Thyssen jetzt das lange – vielleicht sogar schon zu lange – verfolgte Konzept eines reinrassigen Stahlproduzenten aufgibt und durch die Übernahme eines vorwiegend im Verarbeitungssektor tätigen Großunternehmens zu einer Vertikalen Konzentration Zuflucht nimmt, so folgt der Konzern damit nur einem Gebot wirtschaftlichen Vernunft. Es führt nun einmal kein Weg an der Tatsache vorbei, daß die deutschen Hütten auf ihrer teuren heimischen Kohle langfristig nicht mehr wettbewerbsfähig produzieren. Im Vergleich zu Küstenstahlwerken der Konkurrenz müssen sie ihre Erzladungen noch einmal auf Binnenschiffe umschlagen und dafür wesentlich ungünstigere Frachten einkalkulieren.

In richtiger Einschätzung dieser Lage bahnte sich Hoesch durch die Fusion mit dem holländischen Stahlriesen Hoogovens einen Weg zur Küste. Der Klöckner-Konzern legte einen Teil seiner Rohstahlerzeugung still und bezieht statt dessen sogenanntes Halbzeug billiger aus Australien und aus dem Hamburger Miniwerk des Stahlaußenseiters Willy Korf.

Schon vor einigen Jahren gab Mannesmann seine Stahlproduktion bis auf die zur Rohstoffversorgung seiner eigenen Verarbeitungsbetriebe notwendigen Kapazitäten auf und suchte sein Heil in „intelligenten“ Produkten. Die zu Beginn dieses Jahres bekannt gewordene 31prozentige Beteiligung des Konzerns an der Demag und die Absicht, dieses Maschinenbauunternehmen eines Tages ganz zu übernehmen, bedeuten eine konsequente Fortsetzung dieser Politik.