Von Thomas von Randow

Hallo, Sie da, Sie sprechen doch Deutsch“, rief der dickliche Mann in der karierten Badehose, „darf ich Sie mal was fragen?“ Er durfte, und er winkte seiner Frau zu, auch an die Grenze zu kommen. Es ist eine Grenze zwischen Ost und West, aber eine ohne Stacheldraht und ohne Wachtturm, markiert nur mit einem kleinen Schild: „Privat.“ Sie trennt den überfüllten, lauten und mit allerlei Abfall bedeckten Strand von Mamaia von einem gepflegten, einige hundert Meter langen Küstenstreifen, auf dem nur ein paar Familien und Pärchen lagern oder sich auf eine Segelpartie vorbereiten. Vom Wasser aus erkennt man schon von fern an diesem Teil der rumänischen Schwarzmeerküste ganz deutlich den weißen Fleck, der hier von dem ansonsten von Menschen dicht bevölkerten Sandstrand ausgespart ist – ein Paradies für westliche Privilegierte.

Hier tummeln sich Feriengäste besonderer Art, die Mitglieder des Club Méditerranée, Eltern mit Kindern, Pensionäre und vor allem junge Leute. Aber es sind wie gesagt nicht gerade viele, gemessen an dem großen Areal dieses Privatstrandes am Schwarzen Meer.

„Was ist das für ein Club?“, will mein Gesprächspartner aus Zwötzen wissen, „man sagt, er sei piekfein, Diplomaten, Playboys und so.“ Seine Frau hat etwas anderes erfahren: „Da soll es immer hoch hergehen, Orgien fänden statt, französische, sagen die Leute.“

Solche Gerüchte kursieren nicht nur unter DDR-Touristen in Rumänien. Als ich mich aufmachte, um die beiden einzigen Club-Mediterranee-Dörfer in sozialistischen Ländern, Thalassa in Rumänien und Roussalka in Bulgarien, zu besuchen, entlockte dies manchen meiner Kollegen ein vielmeinendes „sieh mal an“.

Am Entstehen der völlig unzutreffenden Legende von der exklusiven Feriensündhaftigkeit in seinen Dörfern ist der Club, der das außergewöhnliche Urlaubserlebnis propagiert und sich als Hort der Unbeschwertheit, des Frohsinns und der Freiheit darstellt, gewiß nicht unschuldig.

Tatsächlich ist der Club Méditerranée auch nur eines der vielen verschiedenen kommerziellen Unternehmen der Tourismusindustrie und, soweit man weiß, ein Unternehmen, das nicht gerade schlecht verdient. Es war nur das erste, das von der gängigen Art, Urlaub zu ermöglichen, abwich, ursprünglich mit Strohhüttendörfern, die es auch jetzt noch gibt, heute jedoch meist in Ferienzentren, ebenfalls Dörfer genannt, mit Hotels oder Bungalowsiedlungen. Das Abweichende, das die Angestellten, die gentils organisateurs (freundliche Organisatoren), abgekürzt GOs genannt, gern die „Philosophie“ des Clubs nennen, ist die Anwendung des gesunden Menschenverstands, der am unwichtigen spart, um das wichtige besser finanzieren zu können.