Die These ist nur zu bekannt: nicht allein die Universitäten sind rote Kaderschmieden, auch die Schulen sind Brutstätten der Revolution, in Hörsälen wie in Klassenzimmern werden sozialistische Systemüberwinder herangezüchtet. So ist es immer häufiger zu hören, vor allem von dem Schutz- und Trutz-Bund „Freiheit der Wissenschaft“.

Seit einem Jahr hausiert er mit Behauptungen wie: „Die Schulen stehen im Mittelpunkt ‚gesellschaftsverändernder‘ Praxis“, so Hans Maier, Bund-Gründer und heute Kultusminister in Bayern; oder: „Die Schulrevolte kann gar nicht pessimistisch genug geschildert werden“, so der Historiker Professor Thomas Nipperdey. Für diese Vorwürfe blieb der Bund bislang den Beweis schuldig, obwohl gerade seine Mitglieder, 3000 Pädagogen und Hochschullehrer, prädestiniert sind für eine exakte und wissenschaftlich fundierte Dokumentation. Wer sonst sollte den Nachweis über die rote Springflut führen, wenn nicht jene, die pausenlos vor ihr warnen?

Statt dessen legt der Bund jetzt eine magere Umfrage zur „Krise der Schule“ vor, die etwas ganz anderes ist als ein seriöses Dokument, wie man es von Wissenschaftlern erwartet. Es ist eine beschämend klägliche Arbeit, mit der der Bund sein wissenschaftliches Renommee diskreditiert und sein politisches Gewicht verschleudert, das er vor allem seinen angesehenen Mitgliedern wie dem Berliner Richard Löwenthal verdankt.

Beschämend ist die Umfrage allein schon wegen ihres Samples. Von den rund 450 000 Lehrern aller Schularten wurde nur ein knappes Viertel ausgewählt, nämlich die rund 100 000 Gymnasiallehrer. Von ihnen wurden gerade 200 angeschrieben – allesamt Mitglieder des Bundes. Innerhalb eines Monats antworteten 61, und aus ihren Äußerungen wurde ein „Zwischenergebnis“ gebastelt, von dem die Autoren selber sagen, es habe „vermutlich keine repräsentative Bedeutung“, spiegele aber dennoch „die Situation am Gymnasium“ wider – angesichts der dürftigen Methode sicherlich eine leichtfertige Aussage.

Nicht von ungefähr wurden wohl auch nur Gymnasiallehrer gefragt, da sie offenbar die richtige Bund-Einstellung haben. Da antwortet einer auf. die Frage nach politischen Lehreraktivitäten: „Man hat den Eindruck! Sie stehen in Ecken und führen leise Gespräche.“ Ein anderer berichtet von einer „linken Gruppe“, deren Ziel „die Einführung der Ko-Edukation als letzte Barriere vor der Gesamtschule“ sei. Eckensteher und Gemeinschaftserziehung als Belege für politischen Extremismus – so wird Schule zum Pappkameraden.

Diesen nämlich nehmen die Verfasser der Umfrage vielerorts als gegeben an: „Die maoistischen Gruppen ... scheinen vor allem in größeren Städten besondere Aktivitäten zu entfalten“; der „Tatbestand der Indoktrination durch Lehrer“ dürfe in vielen Fällen als erwiesen gelten; die „Verwahrlosungserscheinungen ... haben in den letzten Jahren doch offenbar zugenommen“.

Wie schlecht muß es eigentlich um den Bund „Freiheit der Wissenschaft“ bestellt sein, wenn er auf solche hanebüchenen Publikationen angewiesen ist? Dabei wäre gerade jetzt anläßlich der Diskussion um den Extremisten-Erlaß eine handfeste Zusammenstellung über die Radikalen sehr notwendig. Der Bund hätte sich Meriten erwerben können, wenn er schwarz auf weiß nachgewiesen hätte, auf welche Fakten sich die Vorwürfe gegen die Roten wirklich stützen können. All dies bleibt diese Umfrage schuldig; sie ist ein Dokument, das den Kampf-Bund „Freiheit der Wissenschaft“ als Papiertiger ausweist.

Hayo Matthiesen