Die Paßbilder waren zwei oder vielleicht auch drei Jahre alt – schön. Aber ich fand mich gut getroffen (das muß ja nicht heißen: geschmeichelt) und brachte sie immer wieder an, wenn solche Bildchen verlangt wurden (vier mal fünf Zentimeter; linkes Ohr frei). Ich hatte sogar einen Posten nachbestellt und deuchte mich für die nächsten Jahre wohl versorgt. Bis ich einen neuen Reisepaß brauchte und der Mann sagte: „Nee.“

„Nee“, sagte der Mann hinter der Publikumsbarriere und musterte mich, als bezweifele er meine Identität mit den Bildern. „So alte Photos gehen nicht mehr. Sie müssen neue machen lassen.“ Ich erschrak. Hatte ich mich in zwei oder vielleicht drei Jahren so verändert, daß ich mit dem eigenen Photo keine Ähnlichkeit mehr hatte? War ich um viel mehr Jahre gealtert, als mir der Kalender vorgezählt hatte? Ich fand, es gab keinen Grund für den Mann so zu tun, als hätte ich ihm ein Konfirmationsbild vorgelegt.

„Hören Sie mal“, sagte ich und wußte schon, daß ich meine Zeit vergeudete. „So alt sind die Bilder nun auch wieder nicht, vielleicht zwei oder drei Jahre.“ Der Mann machte ein Gesicht, als sei ihm das Kulturerbe des Abendlandes anvertraut. „Nee“, sagte er. Ich erklärte, daß selbst flüchtige Bekannte mich ohne Schwierigkeiten auf den Bildern wiedererkennen würden. „Nee“, sagte der Mann.

Was blieb mir übrig? Ich eilte also, weil ich den Paß schnell haben mußte, zum Drei-Minuten-Photostand in die Bahnhofshalle. Auf den Bildern sah ich aus wie erkennungsdienstlich behandelt. Doch der Mann war tief befriedigt. „Na also“, sagte er. Ich ersparte mir jede weitere Bemerkung. An meiner Seele fraß der Groll.

Ein Paß hat fünf Jahre Gültigkeit und kann, laut Rubriken, dreimal verlängert werden. Aber selbst wenn er nur einmal verlängert wird ... Wer, bitteschön, fragt 1983 danach, ob das Bild in meinem Paß zehn oder zwölf Jahre alt ist? Ich aber werde mit einem Photo identifiziert, auf dem ich mich schon heute selber kaum erkenne. bo