Von Andreas Kohlschütter

Saigon, im Februar

Zum Material, das die abziehenden Amerikaner auf ihrem großen Stützpunkt Can Tho im Mekong-Delta zurücklassen, gehört auch ein weggeworfener „pocket guide to Vietnam“, eine Broschüre, die einst den in den Krieg ziehenden GIs in die Hand gedrückt wurde. „Dein Job in Südvietnam besteht darin“, so heißt es in der Einleitung, „dieser tapferen Nation gegen eine kommunistische Aggression beizustehen und damit überall in der Welt das Überleben der Freiheit sicherzustellen.“ Das war einmal.

Heute wird in der Offiziersmesse von Can Tho sogar der Whisky knapp, die Ginvorräte sind schon lange ausgegangen und werden nicht mehr ersetzt. Der amerikanische Militärpolizist, der am Eingang zur Basis noch Kontrollen macht, läßt wissen: „In drei Wochen ist es endlich so weit, dann hauen wir alle ab.“ Heute starten von der Can-Tho-Piste keine US Gunships und Kampfflugzeuge mehr, sondern nur noch unbewaffnete Helikopter, darunter auch die mit einem weißen Kreuz gekennzeichneten Choppers der Internationalen Kontroll- und Überwachungskommission (ICCS), die dort eingezogen ist, wo die Amis schon ausgezogen sind.

Zur Verabschiedung von zwei ICCS-Teams, die auf vorgeschobene Posten im Delta ausgeflogen werden, hat sich am Rande der Rollbahn eine bunte Soldateska zusammengefunden. Anwesend sind die Vertreter der vier ICCS-Mitgliedstaaten: die Kanadier in ihren kurzen Pfadfinderhosen, die braungebrannten Indonesier mit den blauen Berets‚ die schwitzenden Ungarn mit ihren hochgestellten kaiserlich-königlichen Hüten und die polnischen Militärs mit den auffallend winterbleichen Gesichtern. Präsent sind auch alle vier in der gemeinsamen Militärkommission (IMC) vertretenen Kriegsparteien: Nordvietnamesen und Vietcong auf der einen, amerikanische und südvietnamesische Oberste auf der anderen Seite. Man salutiert comme il faut, schüttelt die Hände, man plaudert und plauscht, lacht und lächelt und winkt in betonter Gemeinsamkeit den abhebenden ICCS-Helikoptern nach. Die Krieger von gestern, „Aggressoren“ und „Befreier“, proben den Frieden von morgen oder übermorgen.

Wie zähflüssig diese Proben noch verlaufen und wie mühsam die ersten Kontaktfäden über die weiterbestehenden Fronten hinweg gesponnen werden, zeigt das am Rande der Piste von Can Tho geführte Couloir-Gespräch zwischen einem nordvietnamesischen Oberst und einem US-Verbindungsoffizier. Der Nordvietnamese: „Vielleicht werden wir Sie heute nachmittag um eine Begegnung bitten.“ Der Amerikaner: „Wir sind sehr daran interessiert.“ Der Nordvietnamese: „Möglicherweise werden wir Sie anrufen.“ Der Amerikaner: „Wir erwarten Ihren Anruf mit Vergnügen.“ Der Nordvietnamese: „Wir müssen natürlich noch auf unsere Instruktionen warten, und Sie wissen, wie lange das dauern kann.“ Der Amerikaner: „Wir sind uns dessen bewußt.“ Der Nordvietnamese: „Vielleicht werden wir Ihnen schon heute, vielleicht aber auch erst später definitiven Bescheid geben können.“ Dann gingen sie auseinander.

Daß sich aber der komplizierte, im Pariser Abkommen vorgesehene Mechanismus für die „Wiederherstellung des Friedens in Vietnam“ überhaupt in Bewegung gesetzt hat, ist weitgehend Michel Gauvin zu verdanken, dem 53jährigen kanadischen Botschafter und Ersten Vorsitzenden der Internationalen Kontroll- und Überwachungskommission. Gauvin hatte bereits eine Karriere als Berufsoffizier hinter sich, als er relativ spät ins Außenministerium, umstieg. Er hat zuerst das Kämpfen und dann das Verhandeln gelernt. Beides beherrscht und braucht er heute, um sich durch das vietnamesische Waffenstillstandsgestrüpp seinen Weg zu bahnen.