Vietnam-Konferenz

Von Karl-Heinz Janßen

Paris, im Februar

Er ist eine Frohnatur. Breite Lachfalten ziehen von den Augenwinkeln über das eher hagere Gesicht, wenn Mitchell Sharp, der kanadische Außenminister, einen Witz gemacht hat. Schlagfertig pariert er die Fragen der Journalisten, die es gerade auf ihn abgesehen haben, weil er von vornherein die Pariser Vietnamkonferenz mit harten Bedingungen unter Druck gesetzt hatte. Aber sogar er zeigte sich verblüfft, als ihm am Montagmorgen im großen Saal des Hotels Majestic der Vorsitz über das Zwölf-Nationen-Treffen anvertraut wurde – freilich nur für einen Tag.

Bis zuletzt war unklar, geblieben, wem die Leitung zufallen sollte. Die Amerikaner hatten gern UN-Generalsekretär Waldheim, der als Gast miteingeladen war, in dieser Rolle gesehen. Aber mit ihrem Wunsch, stießen sie bei den Nordvietnamesen auf Granit. Vorbereitete Reden mußten im letzten Moment geändert werden, weil es nun doch keinen. Präsidenten der Konferenz gab. Statt dessen wechseln der kanadische und der polnische Außenminister, deren Länder der Waffenstillstandskommission angehören, sich Tag für Tag im Vorsitz ab. Solche Kompromisse sind nötig, um die Fiktion eines Friedens in Vietnam und der allgemeinen Friedwilligkeit dieser Konferenz aufrechtzuerhalten, einer Konferenz, die zum Scheinerfolg verurteilt ist.

Die Sitzordnung um den riesigen runden Tisch wurde nach dem französischen Alphabet festgelegt. So gerieten zufällig die Chinesen neben die Amerikaner. Die Abgesandten der Volksrepublik China, einheitlich im uniformierten Mao-Look – sie stellten mit 25 Mann die stärkste Delegation – gingen auch hier den russischen Genossen aus dem Wege, wo sie nur konnten, sogar beim Empfang des französischen Außenministers.

Dabei gab sich Maurice Schumann alle erdenkliche Mühe, dem „Geist der Eintracht und Versöhnung“ und dem „Geist des Friedens“ Tür und Tor zu öffnen. Nicht ohne Stolz erinnert er die Delegationen auch daran, daß unter denselben Kristallüstern 1968 die ersten amerikanisch-nordvietnamesischen Kontakte aufgenommen, 1969 die Vierer-Friedensgespräche eröffnet und schließlich vor vier Wochen die Friedensregelung für Vietnam unterzeichnet wurden. Schumann hätte die friedenstiftende Funktion seiner Hauptstadt („Stadt des Lichtes“ nannte sie der südvietnamesische Außenminister Tram Van Lam) noch weiter zurückverfolgen können – zu den Friedenskonferenzen mit Deutschlands ehemaligen Verbündeten im Jahre 1947 über die Pariser Vorort-Verträge von 1919 bis zum Pariser Frieden von 1856, der den Krim-Krieg beendete. Indes beschworen er und einige seiner Kollegen – gewiß nicht ohne politische Hintergedanken – noch eine andere Tradition: die der großen Genfer Indochina-Konferenzen von 1954 und 1961/62, an die das Pariser Januar-Abkommen anknüpft.