Die Aktionäre von Rheinstahl AG, Essen, können zwischen drei Möglichkeiten wählen.

  • Sie akzeptieren das von der August-Thyssen-Hütte AG gemachte Angebot, ihre Rheinstahl-Aktien zum Kurs von 125 Mark zu übernehmen. Dann müssen sie ihre Aktien einem Bankenkonsortium bis zum 16. März zur Verfügung stellen. Bis dahin sind sie der Verfügungsgewalt ihrer Aktien beraubt. Denn erst danach braucht Thyssen zu erklären, ob und wie viele Aktien überhaupt aufgenommen werden. Wenn mehr als die Hälfte des 470 Millionen Mark betragenden Aktienkapitals zur Verfügung gestellt wird, braucht Thyssen nicht den vollen Betrag abzunehmen. Wird weniger angeboten, hat Thyssen das Rücktrittsrecht. Unter Umständen wird die Anmeldefrist bereits am 9. März beendet.
  • Sie verkaufen ihre Aktien an der Börse. Dabei erlösen die Aktionäre zwar etwas weniger als 125 Mark, brauchen dafür aber auch nicht die ganze Angebotsprozedur über sich ergehen zu lassen.
  • Sie halten an ihren Rheinstahl-Aktien fest in der Hoffnung, eines Tages mehr als 125 Mark dafür zu bekommen.

Die Wahl wird den Rheinstahl-Aktionären nicht leichtgemacht. Einerseits tragen die von Thyssen-Chef Hans-Günter Sohl zu seinem Angebot gemachten Erklärungen zur Verunsicherung der Aktionäre bei, andererseits melden sich private Gruppen zu Wort, die vor der Annahme des Angebots warnen, weil sie der Meinung sind, daß der Preis von 125 Mark viel zu niedrig ist.

Mit Erstaunen nehmen die fast 100 000 Rheinstahl-Aktionäre aber auch zur Kenntnis, wie viele kluge Leute sich plötzlich ihren Kopf darüber zerbrechen, ob die von der Thyssen-Hütte angestrebte Übernahme der Rheinstahl-Majorität vernünftig und politisch sinnvoll ist. Von dieser Gruppe scheint sich indessen niemand dafür zu interessieren, welche andere sinnvolle Lösung denn möglich wäre, um den Rheinstahl-Aktionären endlich wieder zu einer einigermaßen angemessenen Rendite ihres eingesetzten Kapitals zu verhelfen. Darüber schweigen sich die Kritiker der Thyssen-Lösung aus. Ihre Ansichten würden glaubhafter sein, wenn sie den Rheinstahl-Aktionären einen Alternativvorschlag zu unterbreiten hätten. Solange dies nicht der Fall ist, sind ihre Meinungen für den Rheinstahl-Aktionär uninteressant.

Für ihn kann allein ausschlaggebend sein, ob die Höhe des Aufkaufangebots unter den heutigen Umständen angemessen ist oder ob es sich lohnen würde, die weitere Entwicklung abzuwarten. Das Ärgerlichste, was den Rheinstahl-Aktionären im Augenblick geschehen könnte, wäre zweifellos ein Rücktritt Thyssens von dem Übernahmeangebot. Ist dann nämlich kein potenter Konkurrent in der Hinterhand – und ich vermag ihn nicht zu sehen, meine verehrten Leser –, dann müßte der Kurs von heute (etwas über 120 Mark) Schaden nehmen.

Indessen ist diese Gefahr als gering zu erachten. Die meisten Kreditinstitute haben sich inzwischen entschlossen, ihrer Kundschaft den Verkauf ihrer Rheinstahl-Aktien an Thyssen nahezulegen. Und zwar in der üblichen Form: „Wenn wir nichts Gegenteiliges von Ihnen hören, gehen wir davon aus, daß Sie mit unserem Vorschlag einverstanden sind.“ Es ist anzunehmen, daß das Bankenkonsortium alles tun wird, um die von Sohl gewünschten 51 Prozent des Rheinstahl-Kapitals zusammenzubekommen. Die lebhaften Umsätze in den Rheinstahl-Aktien in den letzten Jahren (77 Prozent des Rheinstahl-Kapitals in diesem Jahr) lassen den Schluß zu, daß in Hoffnung auf eine irgendwie geartete Abfindung irgendwo abgabefähige Pakete gebildet worden sind. Ein Blick auf die Kursentwicklung zeigt, daß alle Käufer von Rheinstahl-Aktien, die seit Mitte 1971 jetzt eingestiegen sind, Gewinne kassieren können. Insofern scheint mir der Abfindungspreis recht vernünftig (vom Thyssen-Standpunkt aus betrachtet) gewählt worden zu sein. Leute, deren Einstandspreise höher liegen als 125 Mark, tun sich sicher schwer, sich von ihren Aktien mit Verlust zu trennen, obwohl das natürlich eine Milchmädchenrechnung ist. Alle Aktionäre müssen davon ausgehen, daß der Rheinstahl-Kurs 1971 bis auf 65 Mark abgefallen war und daß sie heute fast das Doppelte dafür bekommen. Solche Kurssteigerungen sind selten.

Thyssen-Chef Sohl bezeichnet seine Offerte als „eine einmalige Chance, die wahrscheinlich nie wieder kommt“! Damit hat er recht, falls sich kein anderer Interessent findet, und falls es Rheinstahl nicht gelingt, aus eigener Kraft wieder flottzuwerden. Das letztere ist allerdings nur möglich, falls die Rheinstahl-Aktionäre zu einer Kapitalzuführung bereit sind. Daran ist nicht zu denken, solange keine Dividenden gezahlt werden können. Die Katze beißt sich hier in den Schwanz. Die von vielen Aktionären auf den letzten Hauptversammlungen geforderte Voll- oder Teilliquidation ist keine Lösung, weil die damit verbundenen Kosten wahrscheinlich nur eine Schlechterstellung der Aktionäre bringen würde; Konzernauflösungen sind angesichts des Zwangs zu Sozialplänen in der Gegenwart nicht mehr möglich.