Von Horst Bieber

Voltaire, der spöttische Skeptiker, urteilte recht apodiktisch: „Die Geschichte legt Zeugnis ab, sie schmeichelt nicht, und das einzige Mittel, die Mitwelt dazu zu zwingen, Gutes von uns zu reden, besteht darin, wirklich Gutes zu tun.“ Mit diesem Satz verteidigte sich der chilenische Präsident Salvador Allende vor seinem Duzfreund Fidel Castro. Das war im Dezember 1971, ein Jahr nach seinem Regierungsantritt. Der bärtige Kubaner zuckte nur die Achseln und vertraute später französischen Besuchern an: „Dieser Mann ist verbraucht. Ihm fehlt’s an Härte!“

Por la razon o la fuerza. Für die Vernunft oder die Gewalt – so lautet die Devise im chilenischen Staatswappen. 28 Monate lang hat Allende gegen den zur Tat drängenden Unmut seiner Volksfront (Unidad Populär) und gegen das wachsende Mißtrauen des oppositionellen Bürgertums für Vernunft plädiert und die Gewalt zurückgedrängt. „Wir fürchten die Konfrontation nicht, aber wir wollen sie nicht. Nicht unsertwegen, sondern Chiles und des Volkes wegen,“ erklärte er seine Haltung.

Revolutionäre Härte liegt Allende fern, wenn er sie auch stets an Tschou En-lai, an Che Guevara und Fidel Castro bewunderte. Härte zeigt er allenfalls rhetorisch, und da erweist sie sich als Aggressivität aus Unsicherheit, als Kaschierung fehlender Eloquenz und rednerischer Raffinesse. Ho Tschi Minh, den Allende noch kurz vor dessen Tod besuchte, urteilte scharfsinnig: „Ein bürgerlicher Romantiker, aber mehr als ein nützlicher Idiot.“

Der Sozialist Allende hat sich in der Tat nie für kommunistische Zwecke einspannen lassen. Als er 1933 die Sozialistische Partei Chiles mitbegründete, protestierte er damit gegen den Moskauer Zentralismus. Einen chilenischen Marxismus wollte er schaffen und nicht die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten, die nach seiner Überzeugung Ursache aller chilenischen Not ist, gegen die Moskauer Befehlsgewalt eintauschen. Der Mensch stehe im Vordergrund, nicht der Apparat.

Die Kommunisten kritisierten das lange Zeit als „Sozialromantismus“. Sie hatten nicht ganz unrecht, denn mit der theoretisch-ideologischen Sattelfestigkeit des Präsidenten ist es nicht weit her.

Allende hält es mit einer humaneren Art des Sozialismus. Und er wurde darin von vielen unterstützt. Noch auf dem Höhepunkt des Mittelstandstreiks, der die Volksfront-Regierung im Herbst 1972 an den Rand des Ruins brachte, bekannte der Bischof von Santiago: „Die Kirche achtet den Sozialismus des Herzens.“ Doch der Versuch, jenen „Sozialismus in Freiheit“ zu verwirklichen, hat Chile in ein wirtschaftliches Chaos gestürzt.