Von Ronald Granz

Hannover

Noch Ende Januar verglich die Hannoversche Allgemeine Zeitung die neuerrichtete Medizinische Hochschule der niedersächsischen Landeshauptstadt mit Akademgorok, jener sowjetischen „Wissenschaftler-Oase“: „Über die Funktionstüchtigkeit der Hochschule ist kein Wort mehr zu verlieren.“ Kaum 14 Tage später droht jetzt die Pflegeleitung, die Intensivstation wegen akuten Schwesternmangels zu schließen. Die medizinische Versorgung und die Facharztausbildung der neurochirurgischen Assistenten sind gefährdet. Chefarzt Professor Hermann Dietz: „Wir ringen um unsere Existenz.“

Die Krise in der neurochirurgischen Abteilung des „größten und modernsten Klinikums des Kontinents“, in das Niedersachsen 900 Millionen Mark investierte und das neben seinen bis jetzt 1200 Betten (in der Endstufe 1800) „über eine in nahezu allen Punkten traumhafte Ausstattung“ (Dietz) verfügt, kündigte sich bereits im Sommer des letzten Jahres an. Die „Schwesternflucht“ setzte ein, als zum 1. Oktober mit einem Schlag sechs von 14 examinierten Schwestern die Intensivstation verließen.

Die Schwestern begründeten ihren Schritt mit den harten Arbeitsbedingungen. Überstunden, aber auch „die unregelmäßige Dienstzeit drängten das Privatleben immer mehr zurück“, klagte eine Schwester.

Schon Anfang November bemühte sich Professor Dietz um eine Übergangslösung, um die lebensnotwendige pflegerische Versorgung der schwerverletzten Unfallopfer und frisch Operierten so gut als möglich zu gewährleisten. Er ließ noch im gleichen Monat Extrawachen durch Studenten übernehmen und erreichte, daß ressortfremde Schwestern „sich nach einem Notplan opferten“.

Die körperliche und seelische Belastung der Schwestern auf der Intensivstation der Abteilung, die mit 40 Prozent die wohl „höchste Absterbeziffer aller Kliniken“ aufweist, wurde von Tag zu Tag bedrückender. In den letzten drei Wochen leistete jede Krankenschwester 52 Überstunden. Am 15. Februar gingen die letzten beiden qualifizierten Intensivpflegeschwestern.