ARD, Sonntag, 25. Februar: "Marie", von Hans W. Geißendörfer und Klaus Bädekerl

Das Muster ist vorgegeben, man braucht nur noch im Detail zu variieren. Die Topologie steht fest, es bedarf lediglich einiger Arabesken am Rand. Das Rezept lautet: Man nehme eine pittoreske Szenerie (am besten Schlösser, Hotels oder heruntergekommene Mietwohnungen. Die Mittellage ist zu vermeiden: proletaroid oder großbürgerlich heißt die Devise, nur keine Dreizimmerbehausung), man gebe hernach ein wenig Stimmung dazu (Rimski-Korsakow mit high fidelity; Kerzen auf damastenem Tisch; ein Hauch von Film und Frau zwischen Altane und Flur), man spare – dies vor allem! – nicht mit Atmosphärischem (Regen ist immer, gut, besonders, wenn ein Auto zur Verfügung steht und die Scheibenwischer den Blick auf die verwaschene Landschaft freigeben: so grün, so traurig und so sanft), man verkuppele Rilke mit der Courths-Mahler und die Marlitt mit Schnitzler, lasse junge Mädchen, bei weher Musik, durch Gärten streifen und stumm, aber bedeutungsvoll ihren Gedanken nachgehen, man spare nicht mit der Verwendung klassischer Muster – die Atridensage paßt immer: Der Vater ermordet, die Mutter im Bett des Buhlen, die Tochter den beiden bei einer Szenerie zusehend, bei der einst Goethe, in actu, das Fichtesche Ehepaar antraf: Elektra überrascht. Klytaimestra (Maria Schell am Mittwoch voriger Woche in Jägersbergs "Immobilien" und am Sonntag in Geißendörfer-Bädekerls "Marie" die gleiche Rolle im gleichen Dekor spielend) und entlarvt dabei den doppelzüngigen Aigisth.

Im Grunde, so will’s das Rezept, ist die Handlung ganz ohne Belang, das Schweigen wichtiger als das Reden. Es genügt, beim Finale kräftig in die Saiten zu greifen: Abtreibung während eines Bombenangriffs! Die Patientin verblutet! (Das Kerzenlicht reichte nicht aus.) Die Ärztin, die keine ist, übernimmt die Rolle ihres medizinisch besser ausgebildeten Opfers! Wird erpreßt vom eigenen Mann! Greift zum Gift! Wird Mörderin: "Verzeih mir, mein Kind!" Ansonsten reicht es aus, die Stimmungselemente bedeutungsvoll zu akzentuieren, gewichtig und wortlos, den Tropfen auf dem Oberschenkel so wichtig wie den Kanarienvogel zu nehmen und die Details derart zu photographieren, daß der Zuschauer denkt: Das ist tiefsinnig, du, das ist ganz bestimmt Kunst, das muß doch etwas zu bedeuten haben, wenn das Mädchen auf dem Leiterwagen nächtigt, draußen am Airport, man kann doch einen Menschen nicht aus purem Spaß am Flugplatzrand die Nacht verbringen lassen... nur um der Leitfeuer willen, die der Kameramann so gern aufnehmen möchte!

Ein simples Rezept, in der Tat. Man wählt optisch ergiebige Topoi und spielt sie demonstrativ aus: Regentropfen als Elemente eines Mysterienspiels! Man verknüpft naturalistische Details mit einem stilisierend wirkenden, Grundton (hier Schulszenen, an denen gemessen sich der Krankenschwestern-Report wie eine lebenswahre Geschichte ausnimmt, dort die morbidezza der Wiesen und Teiche); man koppelt, entsprechend, den Seelenausbruch des Burgtheaters (Maria Schell an der Haustür wimmernd: O bleib doch, Elektra!) mit der apsychologischen, von keiner Situation berührten Verhaltensweise der Protagonistin. (Vorzüglich die – höchst unnötig als Diskothek-trouvaille angekündigte – Schauspielerin Anna Martins.) Und das Ganze ergibt dann Kunstgewerbe, das sich artistisch drapiert – ergibt Kitsch, der, Kitsch zitierend, Kitsch bleibt.

Elvis Presley bedient die Batik-Druckmaschine; die heile Welt von einst mit Dürers Kleinem Rasenstück, der Uta von Naumburg und dem schmiedeeisernen Leuchter feiert im Schloß- und Kino- und Killer-Milieu der sechziger Jahre fröhliche Urständ.

Wir sprechen von Geißendörfers und Bädekerls "Marie", einem unter der Firmierung "Psycho-Krimi" segelnden Filmchens, das, in Machart und Struktur, für hundert andere des gleichen Musters steht und mit diesen hundert anderen beliebig kontaminiert werden kann. Jawohl, derselbe Geißendörfer, der von der "Rose für Jane" bis zum "Carlos" vorzüglich gearbeitet hat – ungeachtet aller Manierismen, die sich jetzt verselbständigt haben. Im "Carlos" freilich zitierte er Schiller, in der "Marie" nur sich selbst; der Unterschied, zeigte sich, ist groß.

Momos