Die Leichen wurden bei El Kantara übergeben. Unter der Aufsicht des Internationalen Roten Kreuzes wurden die Särge anschließend über den Suez-Kanal transportiert: roh zusammengezimmerte Bretterkisten mit Löchern und Lücken. Nur etwa vierzig von ihnen waren mit Namen beschriftet. In den anderen befanden sich bis zur Unkenntlichkeit zerfetzte Körper, unidentifizierbare Opfer des Dramas, das sich am Mittwoch vergangener Woche über der Wüste Sinai abgespielt hatte.

Noch ist nicht ganz geklärt, warum der Flug LN 114 der Libyen Airlines 106 Menschen zum Verhängnis werden mußte. Ein Gespinst von Unklarheiten, Vermutungen und wahrscheinlich auch Propaganda umrankt diesen einmaligen, schrecklichen Fall in der Geschichte der Zivilluftfahrt. Aber die Bruchstücke der Aufzeichnungen aus dem Flugschreiber der Unglücksmaschine, die Aussagen der israelischen Phantom-Piloten, die sie abschössen, und die Berichte der Besatzung des Kairoer Kontrollturms, die bis zuletzt mit dem Flugzeug in Kontakt standen, fügen sich zu einem wenn auch vagen Bild zusammen. Es ist geprägt von Mißverständnissen und Fehlreaktionen, von technischen Unzulänglichkeiten und militärischer Unbarmherzigkeit.

Am vergangenen Mittwoch 11.44 Uhr MEZ bahnte sich die Katastrophe an: Flugkapitän Jacques Bourges, ein Franzose in Diensten der libyschen Luftlinie, meldet dem Kontrollturm des Kairoer Flughafens, seine Boeing befände sich in knapp 10 000 Meter Höhe über El Fayoum (90 Kilometer südwestlich von Kairo).

Um 11.54 Uhr teilt Bourges mit, er habe seine Flughöhe verringert und bitte um Landeerlaubnis. Der Flughafen Kairo gibt die Anweisung, auf 14 000 Fuß (knapp 5000 Meter) herunterzugehen und teilt Bourges die Landebahn 23 zu. Für die 104 Passagiere, die zweieinhalb Stunden zuvor in Tripolis gestartet und danach in Bengasi zwischengelandet waren, scheint sich der Flug seinem Ende zu nähern. Die 57 Libyer, 23 Ägypter, 21 Libanesen, der Engländer polnischer Abstammung und die beiden Deutschen bereiten sich auf die Landung vor.

Aber in den zehn Minuten zwischen dem ersten Funkkontakt mit dem Flughafen und der Landeanweisung hat Kapitän Bourges offenbar die Orientierung verloren. Um 11.56 Uhr wird der Pilot argwöhnisch. Bordingenieur Robert Naudin meldet ihm, daß er noch immer nicht das gerichtete Funkfeuer (VOR) des Flughafens auffangen könne. Bourges: „Mir ist das ganze schleierhaft.“