Von Wolfram Siebeck

Wie man erfährt, ist der Ladenpreis des Menschen als Folge der permanenten Dollarkrise in den USA von 92 Cents auf 2,33 Dollar gestiegen. Das ist der Preis, den man zahlen müßte, wollte man die chemischen Bestandteile eines Menschen im Laden kaufen. Kinder, die Fünfmarkstücke verschluckt haben, und Herrschaften mit Goldzähnen in der Backe wurden bei dieser Berechnung nicht berücksichtigt. 2,33 Dollar ist der Preis für einen Durchschnittsmenschen wie Sie und Herbert von Karajan.

Wenn der eine oder andere dennoch erheblich höher gehandelt wird, so liegt das an der Verpackung. Eine Verbraucherorganisation hat errechnet, daß vor allem bei kosmetischen Artikeln die Verpackung meistens um ein Vielfaches wertvoller ist als der duftende Inhalt. Bei dem Artikel Mensch duftet der Inhalt nicht einmal; um wieviel teurer muß also seine Verpackung sein!

Früher, als er noch offen auf dem Markt gehandelt wurde, richtete sich der Preis des Menschen allein nach seiner Muskelstärke. Noch mein Großvater befühlte prüfend den Bizeps seiner Hausangestellten, bevor er sie einstellte. Er soll sich sogar vom Zustand ihrer Zähne überzeugt haben, heißt es. Aber die ihm diese dem Viehhandel entlehnte Untersuchungsmethode nachsagte, war seine zweitjüngste Schwester, deren Glaubwürdigkeit in bezug auf Familienangelegenheiten umstritten ist: Als sie, die hochmusikalisch war, ein Verhältnis mit einem italienischen Klavierstimmer begann, wurde sie aus dem Schoße der Familie vertrieben.

Heute würde man nicht einmal den Klavierstimmer aus ihrem Schoß vertreiben; die Auffassung von Familienehre ist nördlich der Alpen recht lax geworden. Außerdem ist durch den Tourismus das Faible fürs Italienische enorm gestiegen. Sie – meine Großtante – war es auch, die meiner Familie später Anlaß gab, den unverhältnismäßig hohen Preis von Verpackung zu beklagen. Als sie nämlich starb, oblag es meinem Vater, für ihre Beerdigung zu sorgen, da sie weder Geld noch auffindbare Nachkommen hinterlassen hatte. Mit den Kostenanschlägen eines Bestattungsunternehmens konfrontiert, stellte mein Vater damals schon Überlegungen über die Diskrepanz zwischen Inhalt und Verpackung an, die sich schließlich auf den Sargpreis konzentrierten und ihm die Rechtfertigung gaben, für seine Tante das billigste Modell zu wählen. Bei der damaligen Geldknappheit und seinem mangelnden Familiensinn konnte meine Großtante von Glück sagen, daß sie überhaupt beerdigt wurde. Hätte mein Vater die heutigen Berechnungen gekannt, wonach der Mensch (der lebende, wohlgemerkt!) nur 2,33 Dollar wert ist, er hätte möglicherweise eine Methode der Tantenbeseitigung erfunden, die es ihm erlaubt haben würde, völlig auf die kostspielige Verpackung zu verzichten. Schließlich wurden in den Läden meiner Kindheit auch Mehl, Zucker, Erbsen, Linsen usw. einfach aus großen Säcken in schlichte Papiertüten geschöpft, für die der Verbraucher sicherlich nicht einmal mit einem ganzen Pfennig belastet wurde.

Heute jedoch, im Zeitalter der totalen Verpackung, hat nicht einmal eine tote Tante die Chance, unbelastet von teurem Zubehör ihre Ruhe zu finden. Wo sollten wir auch, bei einem Stückpreis von nur 2,33 Dollar, mit dem leidigen Geldüberschuß hin?