In Gorkis erstem Stück „Kleinbürger“ (1902) betritt zum erstenmal ein klassenbewußter Arbeiter die Bühne des bürgerlichen Theaters. Gorkis sechstes Stück, „Feinde“, geschrieben in der Emigration 1906 nach dem Scheitern der ersten russischen Revolution von 1905, wurde vom zaristischen Zensor als Klassenkampfstück erkannt: „In diesem Sinne ist die unversöhnliche Feindschaft zwischen den Arbeitern und den Arbeitsgebern kraß herausgearbeitet, wobei die Erstgenannten als aufrechte Kämpfer gestaltet sind, die bewußt das gesteckte Ziel verfolgen: die Vernichtung des Kapitals, dessen Vertreter als engstirnige Egoisten erscheinen ... Der Autor läßt sogar durch den Mund der ... Tatjana den Sieg der Arbeiterklasse vorhersagen. Diese Szenen wirken als kompakte Propaganda gegen die herrschenden Klassen; infolgedessen sie nicht zur Aufführung zugelassen werden können.“ Die Uraufführung des Stückes fand deshalb in Berlin, im November 1906, im Kleinen Theater Max Reinhardts statt. Die meisten Kritiker reagierten befremdet: Gorki sei vom „Leiden und Sehnen der Nachtasylvagabunden“ zu „nüchterner Doktrin“ abgesunken. Nur Alfred Kerr reagierte politisch: „Fragt nicht, ob es von Gorki stammt oder vom Engel dieser Zeit; fragt nicht; seht es; handelt.“

Nun wird nicht die Revolution von 1905 selbst (Demonstration vor dem Winterpalast in Petersburg, Erzwingung der Konstituante, Streiks und Straßenkämpfe in Moskau) dargestellt, sondern ihre Voraussetzungen, die Klassenspannung. Zwei Fabrikherren (und ihre Familien) werden gezeigt. Der eine versucht, beim Kampf um die Kopeke, in einer Streiksituation, Liberalität und Humanität zu behaupten, der andere will aggressiv seinen Profit verteidigen, bedroht Unzufriedene mit der Pistole und wird von einem Arbeiter in trotziger Notwehr erschossen (erster Akt). Die moralische Frage Tolstois, ob man denn nicht besser leiden anstatt handeln solle, ist für Gorki keine Frage mehr: der Totschlag war nichts als ein taktischer Fehler im Klassenkampf. Gegen die anarchistischen, maschinenstürmerischen Wallungen der Masse übernehmen die politisch bewußt ten (in der illegalen sozialdemokratischen Partei organisierten) Arbeiter, in der Nacht den Schutz der Fabrik, und der Fabrikantenvilla (zweiter Akt). Am Morgen rückt Militär an, die illegale revolutionäre Zelle und ihr Anführer, ein Kontorist, werden denunziert, verhaftet, verhört (dritter Akt). Dies die politische Fabel des Stückes, in dessen Mittelpunkt die Fabrikbesitzerfamilien stehen: sie diskutierten, reagieren; der liberale Kapitalist läßt seine Liberalität fahren und schließt sich der frühfaschistischen Ideologie an, daß es sich nicht um einen Klassenkampf, sondern um einen Rassenkampf zwischen einer höherwertigen, kulturtragenden Elite und der dumpfen Masse handele; sein versoffener zynischhellsichtiger Bruder will weder kapitalistisch raffen noch proletarisch fronen, sondern hält es mit der Flucht in die närrische Asozialität; dessen Frau, jene vom Zensor zitierte Tatjana, eine Schauspielerin, lernt die Revolutionäre bewundern; ihre Nichte wird wohl auf der Seite der Illegalen in den revolutionären Kampf eintreten.

Daß das Stück in der DDR viel gespielt wird, daß es in der Bundesrepublik erst jetzt, am Mannheimer Nationaltheater, auf die Bühne kam, zeugt für die Verengung der historischpolitischen Perspektiven unserer Theatermacher. Aber auch in Mannheim wurde die Chance vertan, durch psychologische Differenzierung und aufgefaltete Argumentation (die Mittel Gorkis) dem Theaterpublikum Sozialhistorie anschaulich zu machen. Auf einer Demonstrativspielfläche wurden, – entgegen dem Gorkischen hemdsärmeligen Realismus – pathetische Gruppen gestellt, lange; bedeutsame Gänge in Kostümen aus den zwanziger Jahren getan (Regie Hagen-Mueller-Stahl, Bühne Hans Kleber). „Allgemeinheit“; wohl so etwas wie überhistorische Aktualität sollte erreicht werden. Aber die Wahrheit dieses Gorki-Stücks ist an seinen speziellen Wirkliche keitsbezug gebunden: hier wird nicht der Klassenkampf an sich, sondern die russische vorrevolutionäre Situation dargestellt.

Henning Rischbieter