Die Neue Linke ist alt geworden. Damit ist weniger das physische Altern ihrer Protagonisten gemeint, als vielmehr das Auseinanderfallen einer ehemaligen Massenbewegung in eben jene Fraktionen der Alten Linken, gegen deren Zersplitterung sie einst angetreten war: von Marxisten-Leninisten über Stalinisten, Trotzkisten und Maoisten bis zu den Verfechtern der Stadtguerilla nach lateinamerikanischem Vorbild.

Der Satz von Marx, daß sich alle großen welthistorischen Geschehnisse sozusagen zweimal ereignen, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce, wird so unfreiwillig bestätigt: Was zu Lebzeiten Stalins und Trotzkijs blutiger Ernst war, ein welthistorischer Konflikt, der Millionen von Menschen das Leben kostete und die Zukunft des Sozialismus auf Jahrzehnte hinaus bestimmte, wird jetzt, in Form theoretischer Debatten, auf dem Papier noch einmal ausgetragen.

Je weniger diese Prinzipienkämpfe, wie noch bei Rudi Dutschke, auf reale gesellschaftliche Bewegungen gegründet sind, desto verstiegener und zugleich verbissener werden sie: Gemessen an den Dogmatikern der Neuen Linken erscheinen Stalin und Trotzkij schon wieder als Realpolitiker.

Eine Einigung der konkurrierenden Grüppchen und Sekten ist heute weniger denn je in Sicht. An ihrer Stelle haben die Jungsozialisten und die DKP, theoretisch sehr viel weniger vorbelastet, die Führung der konkreten Klassenkämpfe übernommen. Die Organisationen der Neuen Linken sind nur noch von regionaler Bedeutung: Sie bestimmen die Auseinandersetzungen auf dem Campus der Universitäten, von denen die Studentenbewegung vor ein paar Jahren ihren Ausgang nahm.

Bei aller prinzipiellen Meinungsverschiedenheit stimmten die Parteigruppierungen der Neuen Linken bisher doch in einem Punkt überein. Sie hatten gemeinsame Feinde: den amerikanischen Imperialismus und seine militärischen und wirtschaftlichen Verbündeten auf der einen Seite, den, „Sozialimperialismus“ der Sowjetunion und ihrer Satelliten auf der anderen. Zumindest was den zweiten Feind angeht, scheint der Konsensus nunmehr zu zerbröckeln. Diesen Schluß legt jedenfalls das jüngste „Kursbuch“ nahe, seit jeher ein zuverlässiger Gradmesser für den Diskussionsstand innerhalb der Neuen Linken, obwohl oder gerade weil sich die Zeitschrift in den Fraktionskämpfen niemals klar festlegen ließ:

„Kursbuch 30. Der Sozialismus als Staatsmacht. Vier Reportagen und ein Dilemma“; hrsg. von Hans Magnus Enzensberger und Karl Markus Michel; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1972, 192 S., 7,– DM.

Das Heft enthält, unter anderem, fünf Reiseberichte aus sozialistischen Ländern: Bernd Rabehl über die DDR, Sibylle Plogstedt über die ČSSR, Horst Kurnitzky und K. D. Wolff über die Volksrepublik Nordkorea und Günter Maschke über Kuba.