Es war einmal, so wird man vielleicht in 15 Jahren erzählen, ein junger Mann. Der wir verheiratet, hatte zwei Kinder und verdiente als kaufmännischer Angestellter um die 1300 Mark netto. Zur Arbeit fuhr er regelmäßig mit dem Auto. Er hatte es sich gebraucht gekauft – ein neues konnte er sich nicht leisten –, wusch es liebevoll am Samstag und kutschierte damit am Sonntag seine Familie ins Grüne.

Der junge Mann lebte in einer Großstadt, die fast 350 000 Einwohner zählte, aber recht schnell wuchs. So schnell, daß der Verkehr immer dichter und die Suche nach einem Parkplatz immer schwieriger wurde.

So weit erzählt dies Märchen die Geschichte eines Durchschnittsarbeitnehmers. Aber der junge Mann war. doch etwas Besonderes. Eines Tages, genau: an einem Freitagabend nämlich, packte ihn die kalte Wut. Zum zehntenmal quälte er sich in einer Autoschlange im Fußgängertempo nach Hause, verbrauchte Benzin und Nerven und atmete Abgase ein. Da beschloß, er, künftig mit der Straßenbahn (der U-Bahn, dem Bus) ins Büro zu fahren. Genau gerechnet, war ja das Auto ein Luxus – und was sollte er mit einen Statussymbol, das ihn mehr be- als entlastete.

Der junge Mann gehörte, zu den Ausnahmen. Zu seiner Zeit (1973) regierte eine Koalition aus SPD und FDP, deren Chef in der Regierungserklärung zwar deutlich gesagt hatte: „Die Bedeutung des Schienenverkehrs wird wieder zunehmen“ und „Der öffentliche Personennahveikehr hat Vorrang vor dem Individualverkehr’. Aber die Mehrheit der Bürger richtete sich – noch – nicht danach.

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In der Tat wird die anstehende Reform des „öffentlichen Personennahverkehrs“ (häßlich ÖPNV abgekürzt) kaum Begeisterung wecken, dafür Querelen mit den Bundesländern provozieren und den Wähler verärgern. Ohne Abstriche an seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Autofahren, wird das nämlich künftig nicht mehr abgehen. Dennoch läßt sich das Problem des Berufs-, Schüler- und allgemeinen Verkehrs bis zu 50 Kilometer Streckenlänge, der als ÖPNV bezeichnet wird, nicht länger auf die lange Bank schieben. Die für 1973 bereitstehenden Mittel von rund 1,08 Milliarden Mark reichen nicht aus, um eine spürbare Verbesserung zu finanzieren.

Im Januar 1972 lag dem Verkehrsminister ein ÖPNV-Konzept auf dem Tisch. Darin schrieben die Autoren zu diesen Fragen: „Sie sind einbezogen in eine Diskussion, in deren Mittelpunkt die Stadt und ihre Zukunft steht. Für viele Beobachter sind die Nahverkehrsprobleme eh Symptom für die Krise der Großstadt; für einige ist die unzureichende Lösung dieser Probleme sogar die Ursache dieser Krise überhaupt.“ Wenn Städte wie München (das in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich um 23 000 Einwohner pro Jahr wuchs) und Regionen wie das Münchner Umland (das von 1961 bis 1971 insgesamt 185 000 Menschen neu aufnahm) ihre Verkehrsprobleme nicht bewältigen, steht der „Tod der Stadt“ bevor.