Von Joachim Seyppel

Aber wenn ich die Lebende nicht länger halten konnte“, schrieb Heinrich Mann am 3. Januar 1945 aus Los Angeles an Frau Rottenberg, „die Tote ist bei mir.“ Heinrich Mann schrieb dies von Nelly, seiner zweiten Frau, die am 17. Dezember 1944 freiwillig ihrem Leben ein Ende gesetzt hatte. In seinem Artikel in der ZEIT vom 23. Februar setzt sich Golo Mann, neben der Polemik gegen Brecht, auch mit Nelly Mann auseinander; sie sei „zum Schluß“ nahezu „geisteskrank“ gewesen, sie „trank“, so daß sie, „man muß leider sagen, zum Glück“, Selbstmord beging. Zum Glück. Wie geschmackvoll. Nellys Charakter, ihre ganze Existenz ist gewiß umstritten; nicht umstritten ist die Tatsache (außer durch Professor Golo Mann), daß Heinrich und Nelly Mann zu den durchaus großen Liebenden gehören.

Der verhältnismäßig aufgeschlossene Klaus Schröter, auf Belege Golo Manns zurückgehend, schreibt in der rororo-Monographie „Heinrich Mann“ von 1967: „Übrigens mochte ihm Nelly Kroeger vom Straßen- und Ganoven-Jargon dies und das zutragen: Sie, die Tochter eines Niendorfer Fischers, die dann ihr Gewerbe in Nachtbars der Kurfürstendammgegend betrieben hatte, beherrschte ihn.“ Die moralische Abwertung, die auch Golo Mann mit seinen Klatschgeschichten leider fortsetzt („Nelly öffnete ihren Gästen die Tür splitternackt“), einmal außer acht gelassen – bei Schröter, und dementsprechend bei den Belegen Golo Manns, ist an simplen Fakten so ziemlich alles falsch, was nur falsch sein kann. Kein Mensch, und die Familie Mann am wenigsten, hat sich die Mühe gemacht, einmal nachzuforschen, wer diese Nelly eigentlich war.

Nellys beurkundete Vornamen werden nirgends erwähnt, der Mädchenname (Kroeger) ist falsch, sie kam nicht aus Niendorf und war auch nicht eines Fischers Tochter. Im Heinrich-Mann-Archiv der Akademie der Künste der DDR in Berlin befindet sich die Heiratsurkunde aus Nizza vom 9. September 1939, die einen ersten Hinweis ihrer Herkunft gibt. „Emmy Johanna ... née à Ahrensbök le 15 Février 1898“. Ahrensbök liegt bei Lübeck. Im Standesamt zu Ahrensbök fand sich bei meinen Nachforschungen über die Geburt einer Emmy Johanna Kröger nichts. Erst Hinweise der Familie führten auf die richtige Spur. Am 18. Februar 1898 wurde von dem Standesbeamten L. Christlieb folgendes zu Protokoll genommen: „Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, die Hebammenfrau Margaretha Catharina Lilienthal, geborene Schröder, wohnhaft zu Ahrensbök, ... Religion, und zeigte an, daß von der unverehelichten Dienstmagd Bertha Margaretha Elise Westphal, evangelischer Religion, wohnhaft zu Ahrensbök bei dem Händler Noa Troplowitz zu Ahrensbök in der Wohnung des Händlers Noa Troplowitz, am fünfzehnten Februar des Jahres tausend acht hundertneunzig und acht, nachmittags um drei Uhr ein Kind weiblichen Geschlechts geboren sei, welches die Vornamen Emmy Johanna erhalten habe. Die Anzeigende erklärte, daß sie bei der Niederkunft der unverehelichten Dienstmagd Bertha Margaretha Elise Westphal zugegen gewesen sei.“

Nellys Mutter heiratete nach der Jahrhundertwende einen gewissen Nicolaus Wilhelm Heinrich Kröger. Dieser Kröger ließ am 30. Dezember 1920 folgendes auf dem gleichen Standesamts-Watt Nr. 11 von 1898 nachtragen, und zwar handschriftlich und am Rand: „In seiner vor dem unterzeichneten Standesbeamten am 29. Dezember 1920 abgegebenen Erklärung hat der Fischer Nicolaus Wilhelm Heinrich Kröger, wohnhaft in Niendorf an der Ostsee, als Ehemann der Mutter des nebenbezeichneten Kindes, diesem mit Einwilligung der Mutter und des Kindes, seinen Familiennamen Kröger erteilt. Der Standesbeamte.“

Nelly Mann hieß also ursprünglich Emmy Johanna Westphal, kam aus Ahrensbök und wurde adoptiert: ein uneheliches Kind, das einer Dienstmagd, fand eine Bleibe. Spekulationen über ihren eigentlichen Vater, abgeleitet womöglich aus Heinrich Manns Roman von 1932 „Ein ernstes Leben“ mit Bausteinen aus Nellys Leben, führen kaum weiter. Andere Hinweise jedoch haben sich als fruchtbar erwiesen. Soviel läßt sich mitteilen: Es besteht Grund zu der Annahme, daß der Händler Noa Troplowitz in Ahrensbök, bei dem Nellys Mutter wohnte, der Vater Nellys ist. Noa Troplowitz war aus Galizien zugewandert; seine Religion gab er mit „mosaisch“ an. Wenn die Annahme richtig ist, daß Troplowitz Nellys Vater ist, so wäre Nelly bei den ab 1933 notwendig werdenden „Ahnennachweisen“ als „halb-arisch“ eingestuft worden: eine Halbjüdin, die den als „Judenknecht“ verschrienen Heinrich Mann (so Gerd Rühle 1936) noch weiter ins Unheil gerissen hätte. Zum Glück flohen beide bereits 1933.

Der Klatsch um Nelly Mann, die Verleumdungen ihres moralischen Status, die falschen Angaben zur Person, die durch den letzten Artikel von Golo Mann nicht nur nicht korrigiert (er hätte eigentlich am meisten Anlaß dazu gehabt), sondern noch gesteigert werden, trüben das Bild.