Von Dietrich Strothmann

Israel hat Schuld auf sich geladen. Das einzugestehen mag selbstkritischen Israelis, von denen es genug gibt, weniger schwerfallen als ihren Freunden im Ausland, vor allem den Deutschen. Gerade sie waren, gezeichnet vom Brandmal Auschwitz, oft israelischer als die Staates Die meisten wollten auch im 25. Jahr des Staates Israel nicht erkennen, daß dies – nach drei Siegen über die Araber und grandiosen Leistungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Technik – ein Land geworden ist wie jedes andere – mit seinen Fehlern und Schwächen, die auch Kritik rechtfertigen. Und es besteht kein Zweifel: Diesmal haben sich die Israelis ins Unrecht gesetzt.

Israelische Militärs haben den Abschuß der libyschen Zivilmaschine über dem Sinai verschuldet. Dieser Befehl, der über hundert Menschen den Tod brachte, ist durch nichts zu rechtfertigen. Es war ein unmenschlicher Befehl, erteilt von Leuten, die allem Anschein nach nur noch in Kategorien militärischer Gewalt und Gegengewalt denken und handeln können, geprägt allein von der irrigen Vorstellung: Wer zuerst schießt, lebt am längsten.

Für die schlimmen Zeiten des Kampfes ums nackte Überleben war solcher Hang zur Sheriff-Mentalität den Israelis ohne Einschränkungen nachzusehen. Es ging um ihre Existenz. Nun aber, da ihr Staat uneinnehmbar geworden ist wie eine Festung, da ihr Land blüht und gedeiht wie kein zweites in dieser Region – nun sind Schüsse aus der Hüfte unentschuldbar. Nichts anderes aber war der Abschuß der verirrten libyschen Boeing.

Angenommen, die Vermutung war anfangs nicht unbegründet, es handele sich um ein getarntes feindliches Beobachtungsflugzeug – spätestens nach ein paar Minuten mußte den israelischen Verfolgern klar sein, daß der Verdacht haltlos war. Im übrigen: Welche militärischen Geheimnisse hätte die Besatzung dieser Maschine schon ausspähen können? Hochfliegende ägyptische MIG 23 mit sowjetischen Piloten, für Israels Phantoms unerreichbar, haben längst alles photographiert, was ihnen an Militärpositionen im Sinai wichtig war.

Angenommen auch, die Befürchtungen waren gerechtfertigt, es könnte ein von der Terrorgruppe „Schwarzer September“ gechartertes, mit Bomben für Tel Aviv beladenes Flugzeug sein – spätestens, als es Richtung Ägypten abdrehte, war zu erkennen, daß es sich tatsächlich um eine Maschine handelte, die sich verflogen hatte. Daß Israels Generalstabschef dennoch Feuerbefehl gab, war unverantwortlich.

In diesem Befehl dokumentierte sich ein Maginot-Denken, das sich – in Israel nicht anders als sonstwo – leicht zur Inhumanität eskaliert, Im Sinai wurde die Grenze der Vernunft und der Menschlichkeit überschritten. Militärische Automatik bestimmte das Geschehen. Das Massaker von München war furchtbar. Aber es kann kein Alibi für alles und jedes sein, was Israel aus übertriebener Ängstlichkeit und ungerechtfertigter Existenzfurcht unternimmt.