Der deutsche Aktienmarkt hat die „Schicksalsschläge“ dieses Jahres mit erstaunlicher Gelassenheit hingenommen. Selbst die jüngste Dollarschwäche, von vielen als Vorbote einer neuen internationalen Währungskrise angesehen, führte zu keiner nennenswerten Kursschwäche. Sicher ist, daß die Thyssen-Offerte, 51 Prozent des Rheinstahl-Aktienkapitals übernehmen zu wollen, zur Kursstabilität beigetragen hat. Denn nicht wenige Rheinstahl-Aktionäre haben den plötzlichen Anstieg des Rheinstahl-Kurses auf zeitweise 126 Mark benutzt, sich von ihren Papieren zu trennen. Dadurch kamen sie in Besitz liquider Mittel, für die eine neue Anlage gesucht werden mußte.

Aber wohin mit dem Geld? Es kann als typisch für die gegenwärtige Börsensituation gelten, daß es kaum in die „großen“ Standardwerte, also vor allem in die Aktien der Großchemie, floß. Ihre Kursentwicklung hat auch in diesem Jahr wieder enttäuscht. Bei ihnen macht sich das Fehlen ausländischer Käufer erheblich bemerkbar. Nicht dagegen bei Siemens, wo sich der Kurs leicht oberhalb von 300 Mark fest etabliert zu haben scheint. Siemens ist das Lieblingspapier der Ausländer geblieben. Im gleichen Umfang, wie Ausländer deutsche Wertpapiere verkaufen, können nach den neuesten Bundesbank-Richtlinien von Ausländern auch deutsche Wertpapiere erworben werden. Im Rahmen dieses beschränkten Handels nehmen Siemens-Aktien eine bevorzugte Rolle ein.

Die inländische Bankenkundschaft, vor allem die privaten Vermögensverwaltungen, konzentrieren sich auf spekulativ interessante Papiere. Im Vordergrund steht hier die BMW-Aktie, hinter deren Umsätzen mehr als nur reine Anlagekäufe vermutet werden. Börsenschwärmer halten einen Tausch von BMW-Aktien im Verhältnis 1:1 in Daimler für möglich. Bis dahin wäre allerdings noch ein weiter Weg; denn schließlich wird die BMW-Aktie erst mit etwa 320, aber die Daimler-Aktie mit rund 380 Mark bewertet. Wenn solche Pläne bestehen sollten, wird man sich bis zu ihrer Realisierung nicht mehr viel Zeit lassen können. Sie müssen über die Bühne gehen, bevor im Bundestag die Fusionskontrolle „durch“ ist.

Ein Teil der beim Verkauf von Rheinstahl-Aktien freigewordenen Gelder ist in die Salamander-Aktien geflossen. Hier glaubt man weiterhin einen noch nicht erkannten Aufkäufer ausmachen zu können. Tatsächlich sprechen die Umsätze für mehr als nur rein spekulative Käufe.

Neu ins Fusionsgerede ist auch der Chemienebenwert Goldschmidt gekommen. Geschäftliche und sonstige Beziehungen bestehen zwischen Goldschmidt und Bayer. Ob Bayer auch Käufer von Goldschmidt-Aktien ist, läßt sich nicht erkennen. K. W.