In Wien zur Uraufführung war von allen Namen, die damit in Verbindung gebracht wurden, der schwächste am größten gedruckt, und nicht bloß das; seinetwegen hatte man eine der gründlichsten, raffiniertesten, teuersten und peinlichsten Werbeaffären veranstaltet, unvergleichlich interessanter, aber auch schrecklicher als das schlotternde Sujet, dem sie auf die Beine helfen sollte. Der Name ist Udo Jürgens, und das Stück, an dessen musikalischer Garnierung er mitgewirkt hatte, waren Shaws „Helden“.

In Hamburg zur deutschen Erstaufführung ist daran ein bißchen korrigiert worden; es fand kein Reklamefeldzug statt, und auf den Plakaten ist der Name des Hauptdarstellers Hubschmid schon um einen Grad größer gedruckt als der des Komponisten. Der Tag ist nicht fern, an dem er zum lexikalischen Vermerk unter dem Stichwort „Shaw“ zusammengeschrumpft sein wird.

Denn schon die Bezeichnung Komponist ist hier nur noch in der rudimentären Form des Melodienmachers zu verstehen, der mit Hilfstruppen in Erscheinung tritt: einer hat (laut Wiener Theaterzettel) die Instrumentation vorgezeichnet, zwei haben Musik daraus gemacht. Selbst wenn diese Praxis in der Branche als normal verstanden wird und man den Meister nur an seinen Melodien mißt, ist das Ergebnis dürftig.

Das Musical, nach Shaws „Helden“ Musical, Helden“ genannt, ist gar kein richtiges Musical, auch keine Operette, auch nichts Verwandtes. Es besteht in Wirklichkeit aus zwei Dritteln unbeschädigtem Shaw – das haben die Nachlaßhüter so bestimmt –, den man mit ein paar ärmlichen musikalischen Girlanden behängt hat, und tonten Liedertexten von Brandi, Gmür und Hachfeld, dazu kommt etwas Ballett und Zwi-Singspiel, Alles klingt wie dagewesen: Wiener Singspiel, Lehár, Nico Dostal, Loewe, Bernstein, Balkanfolklore, auch forsche Zirkusmusik.

Somit fehlt keines der Klischees, die die Und rette so schwer erträglich gemacht haben. Und wer Jürgens’ neue Lieder von seiner jüngsten Tournee gehört hat, wird sich über die platten Ergebnisse seiner musikalischen Erfindungskraft nicht wundern: Er wiederholt sich selbst oder andere, sogar niemand erstlich Zwar ist Udo Jürgens, woran niemand erstlich zweifeln wird, ein erfolgreicher, geschickter, bisweilen hervorragender Unterhalter auf der Schlagerbühne; nicht. ein bemerkenswerter Komponist, das ist er nicht.

Trotzdem gab es im Theater an der Wien, wo Rolf Kutschera inszeniert hat. und im Hamburger Operettenhaus, wo Karl Vibach den Wiener Prototyp nachempfand, eine ganze Menge Beifall, Für wen? Für Shaw, ganz besonders für seinen Schweizer Söldner Bluntschli. In Wien war das Michael Heltau, wie man jetzt weiß, unübertroffen gut; in Hamburg ist es Paul Hubschmid, nicht schlecht, aber oft langweilend, weil ihn sein Regisseur gern herumstehen läßt. Um ihn herum gab es hier wie dort, außer einer vielleicht noch richtig zu entdeckenden Sängerin (Juli Migenes als Louka), nur vulgär mißdeutetes „Volksschauspiel“, grob; aufdringlich, Operetten Ohnsorg.

Doch das wird die Männer, die diesen Shaw verfaßt halben, nicht sonderlich betrüben können: Sie haben ja, wie der Librettist Hans Gmür es nannte, einen „Traum-Job“ hinter sich.

Manfred Sack