Vor den Wahlen in Chile: Deftige Reden – vorsichtiges Handeln

Von Carl-Christian Kaiser

Santiago de Chile, im Februar

Bei der Autotour über die Anden hielt unser Fahrer im letzten größeren argentinischen Ort vor der chilenischen Grenze und zog einen Einkaufszettel hervor, den ihm seine Frau zugesteckt hatte. Darauf stand unter anderem: mindestens fünf Liter Speiseöl, fünf Kilogramm Zucker oder mehr, drei Kilogramm Mehl, Puddingpulver, Tee in Beuteln, Zahnpasta. Er wußte, warum er vor der Grenze einkaufte. In Santiago de Chile stehen vor Lebensmittelläden oder Zigarettenkiosken jene Schlangen, die der Opposition im Lande wie Kritikern und Schadenfrohen jenseits der Grenzen als Symbol für das Scheitern der Volksfront-Politik und ihres marxistischen Präsidenten Salvador Allende gelten. Die Erwartung, daß die Regierung zumindest kurz vor den Wahlen am kommenden Sonntag, bei denen es um die 150 Mandate der Abgeordnetenkammer und die Hälfte der 50 Senatssitze geht, für ein etwas reichhaltigeres Warenangebot sorgen würde, hat sich nicht erfüllt.

Um so mehr fällt die Geduld auf, mit der die Chilenen Schlange stehen. Von jener Hochspannung und revolutionären Stimmung, von der in vielen Berichten aus Chile die Rede war, ist so gut wie nichts zu spüren. Zwar ist der Wahlkampf hitzig und mitunter blutig gewesen; es hat sieben Tote und über 100 Verletzte gegeben. Die Parteien haben sich daraufhin vierzehn Tage vor der Wahl gegenüber dem Innenminister und starken Mann im Kabinett, General Prats, verpflichtet, auf Straßenaktionen und Hetzparolen zu verzichten. Aber die Zusammenstöße sind meistens nur von radikalen Gruppen auf der Rechten wie der Linken heraufbeschworen worden. Die Masse der 4,6 Millionen Wahlberechtigten hingegen betrachtet allem Anschein nach gerade jetzt Ruhe als die erste Bürgerpflicht.

So hat der Wahlkampf trotz einer Reihe von Massenversammlungen, deren Teilnehmerzahl jeden deutschen Politiker vor Neid erblassen ließe, weniger auf offenem Markt als vielmehr in den Zeitungen, in den Wahlsendungen der vielen Rundfunkstationen und an den Mauerwänden stattgefunden, die in Chile die Litfaßsäulen ersetzen. Beide Seiten sind mit ihren Losungen nicht zimperlich gewesen: Sprach die Opposition, vor allem die den rechten Flügel bildende Nationalpartei, von der „roten Flut“ oder der „Geißel des Hungers“, warfen die Christlichen Demokraten der Regierung vor, unter den Chilenen klassenkämpferischen Haß gesät zu haben, so redete die Regierung von einer „imperialistischen Verschwörung“ gegen Chile und von der „zerstörerischen Arbeit“ der Opposition.

Es fehlt an Devisen