Von Karlheinz Gieseler

Der sportliche Alltag hat uns wieder. Die Olympischen Spiele 1972 werden – mehr als alle anderen vorher – für den Sport in unserem Lande einen Einschnitt bringen, der noch nicht annähernd abzuschätzen ist. Vieles war schon vorher in Bewegung geraten; aber der große Durchbruch des Sports in der Gesellschaftspolitik oder in der eigenen Form ließ bisher auf sich warten. Über diese Tatsachen können weder die stürmisch angewachsene staatliche Förderung noch sportliche Erfolge hinwegtäuschen.

öffentliche Meinungsbildner wollen glauben machen, daß die allgemeine Lage schlechter ist, als sie sich darstellt. Die freiheitliche Ordnung des Sports soll brüchig, die Organisation untüchtig und die sportliche Demokratie in Frage gestellt sein. Schlagzeilen sprechen von hoffnungslos veralteten Vereinen, reformfeindlichen Verbänden und einer Führung im Stil der Gartenlaubenzeit. Die Turn- und Sportbewegung hat solche Pauschalurteile nicht verdient; sie sind ungerecht, vordergründig und falsch.

Dr. Kregel, der Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), hat diesen Kritikern jüngst vorgerechnet, daß der DSB sich nach Zahl und Zusammensetzung in einer steten Aufwärtsentwicklung befindet, daß er im Jahre 1972 über 700 000 neue Mitglieder in seine Vereine aufgenommen, mit der Trimm-Aktion völlig neue Akzente gesetzt, im Spitzensport beachtliche Fortschritte erzielt und mit der immer noch wachsenden freiwilligen ehrenamtlichen Leistung eine demokratische Mitverantwortung erreicht hat, wie sie keine andere gesellschaftliche Organisation sonst kennt.

„Ich wehre mich im übrigen dagegen“, fuhr Dr. Kregel in der Strukturdebatte fort, „die ganze Turn- und Sportbewegung über den Leisten des Erfolgsprinzips des Spitzensports schlagen zu wollen, wie es uns einige organisatorische Modelle empfehlen. Richtig ist vielmehr, daß Leistungs- und Freizeitsport unterschiedliche Arbeitsansätze verlangen. Um diese Differenzierung, veränderten Erfordernisse und steigenden Ansprüche geht es uns und nicht etwa um eine neue Spitze für die Spitze.“

– Nicht der Rekord einiger weniger, der auch nachdrücklich gewünscht wird, sondern die persönliche Bestleistung möglichst vieler Menschen sind das Ziel der Turn- und Sportbewegung. Sport für alle – unter diesem Slogan verspricht der DSB Männern und Frauen, jung und alt, Starken und Schwachen, Gesunden und Kranken ihre individuelle Chance im Sport. Dies ist die soziale Komponente einer fortschrittlichen Sportpolitik, die drei Aufgabenbereiche in den Mittelpunkt rückt:

  • Sie will die Zielsetzung des Freizeit-, Breiten- und Leistungssports und deren Integrierung in eine gesellschaftspolitische Gesamtkonzeption überdenken,
  • sie will die Aufgabenverteilung auf Bundes-, Landes- und Vereinsebene und ihre Auswirkungen auf die staatliche Sportförderung überprüfen und
  • sie will die Führungs- und Leitungskader des Sports qualifizieren sowie Struktur, Führungsstil und Instrumentarium der Organisation weiter anpassen.