Seit Englands EWG-Beitritt erschwert der belgische Zoll die Einfuhr britischer Lebensmittel

Für Ronald Davidson, Inhaber des Osborne-House in Brüssel, ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Der britische Geschäftsmann, der in der Rue Archimède, nur einen Steinwurf vom EWG-Hauptquartier Berlaymont entfernt, Landsleute und insularen Gaumenfreuden aufgeschlossene Kontinentaleuropäer mit typisch englischen Nahrungsmitteln versorgt, fühlt sich durch die Folgen des Beitritts Großbritanniens zum Gemeinsamen Markt höchstpersönlich geschädigt.

Seit dem 1. Februar dieses Jahres, an dem die Regeln des EWG-Agrarmarktes mit den zuvor in nächtlichen Marathonsitzungen ausgehandelten Übergangsbestimmungen auch für Großbritannien, Irland und Dänemark gelten, hätten die Geschäfte des traditionsreichen Delikatessenhändlers einfacher werden müssen. „Doch tatsächlich“, klagt Davidson mit einem enttäuschten Blick hinüber zur Glasfassade der Europabürokratie, „ist jetzt alles viel schwieriger geworden.“ Seit fünf Wochen wartet er auf die Auslieferung einer Sendung von 150 Kilogramm Schokolade und 100 Kilogramm Soßenpulver, die vom belgischen Zoll festgehalten werden.

„Vor dem 1. Februar“, so Davidson, „waren alle Zollformalitäten innerhalb von wenigen Tagen erledigt.“ Aber jetzt verlangten die Beamten des wegen seiner pedantischen Genauigkeit schon bei manchem Ausländer in der EWG-Hauptstadt berüchtigten Zollhofs „tours et taxis“ plötzlich Einfuhrdokumente, die weder er noch seine Lieferanten in England kennen. Für die Lagerkosten im Zollhof muß der Importeur aufkommen.

Daß die Schwierigkeiten des Mr. Davidson nicht nur das Resultat vorübergehender bürokratischer Schwerfälligkeit bei der Anpassung an veränderte Verhältnisse sind, hält der Inhaber des Osborne-House für erwiesen. Seiner Erfahrung nach haben die belgischen Zollbeamten seit einigen Wochen in noch nie gekanntem Ausmaß Eifer bei der exakten Anwendung der vom belgischen Gesetzgeber und bislang von der EWG erlassenen Bestimmungen über den Zusatz von-Farbstoffen und anderen Ingredienzien entwickelt.

Die Folge: Melton-Mowbray-Pasteten aus Schweinefleisch, Frühstückswürstchen und nicht zuletzt Rose’s Lime Juice, ohne den ein richtiger Engländer im Ausland nicht überleben kann, sind aus den Regalen des Osborne-House verschwunden. Ronald Davidsons Einwand, daß Schweinepasteten und Frühstückswürstchen nicht wesentlich andere Zusätze enthielten als auf dem Kontinent übliche Pasteten und Würste, nützte nicht.

„Lime Juice“, so Davidson, „wird in Deutschland oder den Niederlanden ohne Beanstandung weiter verkauft. Sind Farbstoffe für Deutsche oder Holländer weniger gefährlich?“ Nun befürchtet er, daß die Lebensmittelvorschriften, die vor dem Beitritt Englands zur EWG den Zoll kaum kümmerten, ihm noch mehr Schwierigkeiten bereiten könnten.