Das nordafrikanische Land setzt auf kapitalkräftige Touristen

Von Klaus-Peter Schmid

Landung in Karthago. Man könnte sich beinahe wie ein Astronaut à la Däniken bei der Eroberung Nordafrikas vorkommen. Doch da steht der Zusatz Tunis vor dem historischen Namen. Da fuchteln arabische Großfamilien wild gestikulierend von der Flughafenterrasse. Da stehen dick vermummte weiße Frauen am Ausgang. Da fährt man auch schon durch die obligatorische Palmenallee. Und da grüßt – wie könnte es anders sein – ein Hilton vom schönsten Panoramahügel der Stadt. Genauso, wie man sich das alles vorgestellt hat...

Tunesien, ein Reiseziel ohne Überraschungen? Keineswegs; sonst wären im vergangenen Jahr sicher nicht 800 000 Touristen ins Land gekommen, mehr als doppelt so viele wie 1970. Sie kommen, wie könnte es anders sein, vor allem wegen Sonne, Sand und Meer – und können damit rechnen, daß ihnen noch einiges anderes geboten wird.

Eines finden sie jedoch bestimmt nicht: den warmen Winter und den kühlen Sommer. Neckermann scheint das noch nicht gemerkt zu haben. Die Firma geniert sich nicht, Neuankömmlingen in Hammamet folgenden blühenden Blödsinn als Information zu bieten: "Das ganze Jahr hindurch herrscht die Sonne unter dem Einfluß der märchenhaften Sahara, deren Wärme durch die Frische des klaren blauen Wassers und den duftgeschwängerten Oasenwind gemildert wird."

Im Küstenort Hammamet sinken im März die Temperaturen immerhin auf zwei Grad. Und im August klettert das Thermometer auf über vierzig Grad. Im Winter scheintalso der Einfluß der Sahara nicht sehr stark zu sein, im Sommer hatder Oasenwind nicht viel zu bestellen. Zwar verkündet die offizielle Werbung: "Der nächste Winter kommt bestimmt – aber nicht nach Djerba." Doch darunter sind Luft- und Wassertemperaturen von durchschnittlich dreizehn Grad zu verstehen. Tunesische Urlaubsbräune ist um diese Zeit garantiert unecht.

Doch Tunesiens Tourismus lebt nicht vom Strand allein. Es lohnt sich, gleich in Tunis ein paar Tage zu verweilen. Die Spaziergänge in und um die Hauptstadt bieten eine konzentrierte Einführung in viele Eigenarten des Landes. Natürlich führt der erste Weg in die Altstadt, die Medina mit ihren Souks. Man sollte sich die Zeit lassen, sich im Gewirr der Gäßchen, Düfte, Farben und, Sprachen zu verirren.