Werner Kuhlmann, der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, leidet am Bundesgrenzschutz. Das hat er mit seiner Attacke gegen die Truppe und gegen den Bundesinnenminister Genscher aufs neue bewiesen – und bis auf weiteres ist das auch das einzig Greifbare an der seit acht Tagen dauernden Kuhlmanniade geblieben. Er eröffnete sie im Stile einer Enthüllungskampagne: Im Bundesgrenzschutz werde die Menschenwürde durch militärischen Drill verletzt, Ausbilder schrien die Rekruten an und seien bei der Verwendung von Injurien nicht zimperlich. In „Dokumenten“ wurden rüde Schleifermethoden geschildert. Es schien nach Nagold zu miefen, nach 08/15 in einer Truppe, die angeblich nicht nur den Helm, sondern auch den Geist der alten deutschen Wehrmacht in die Bundesrepublik hinübergerettet hat.

Kuhlmanns Zielrichtung ist klar: Der Bundesgrenzschutz, der vom Bundesinnenminister mit Bedacht zu neuen Polizeiaufgaben geführt wurde, sollte als demokratisch unzuverlässig, als ungeeignet für zivilen Einsatz angeprangert werden. Die von ihm angeführten Fälle liegen freilich acht bis zehn Jahre zurück. Ranger-Unternehmungen gibt es keine mehr. Roß und Reiter vermag Kuhlmann nicht zu nennen.

Genscher hat sogleich den Staatssekretär a. D. Maaßen mit der Untersuchung der Vorwürfe beauftragt. Man kann darüber streiten, ob damit den Kuhlmannschen Halluzinationen nicht zuviel politische Ehre angetan wurde. Da aber Maaßen Fehlanzeige wird vermelden müssen, wird das eigentliche Motiv der Kuhlmannschen Veranstaltung immerhin deutlicher zum Vorschein kommen: sein tiefes Mißtrauen gegen den Grenzschutz. Mißtrauen zeichnet den Demokraten aus, plausible Argumente freilich kann es nicht ersetzen.

E. N.