Von Petra Kipphoff

Wer heute bei sogenannten aufgeschlossenen und interessierten Freunden erzählt, er habe gerade ein paar spätromantische Schwelgereien von Wordsworth oder Tennyson, Browning oder Swinburne gelesen, der müßte damit rechnen, für nicht ganz zurechnungsfähig gehalten zu werden. Wer denselben Freunden berichtete, er habe eine Ausstellung mit Werken von Rosetti, Millais, Hunt oder Burne-Jones gesehen, den Zeit- und Zeitgeistgenossen dieser Dichter also, der dürfte darauf zählen, als kultureller Geheimtipträger zu gelten. Denn, nicht wahr, nach Art Deco und Jugendstil sind ja wohl Präraffaeliten und Nazarener – welch schöne Namen schon – die Funde, die als nächstes anstehen.

Der Rausch nach rückwärts, als solcher schon seltsam genug, findet unter seltsam schizophrenen Vorzeichen statt: Man steckt sich die Muster der Vergangenheit mit Kennermiene ins Knopfloch und ignoriert gleichzeitig großzügig die Implikationen, die auch der Dekoration anhaften. Das Auge darf schwelgen, das Gehirn hat Ruh.

Diese Ökonomie der Kräfte kommt freilich nicht von ungefähr. Denn wenn auch der Verstand zugelassen würde bei der Beschäftigung mit der hübschen Vergangenheit, dann könnte der Spaß schnell dahin sein, dann müßte man mit allem rechnen, unter anderem auch mit dem Eingeständnis, daß zum Beispiel Keats’ Ballade „La Belle Dame Sans Merci“ besser ist als Rosettis Illustration dazu. Und Einsichten wie diese wären mißlich deshalb, weil, Qualität hin oder her, neue Dessins für Papierservietten und Sofakissen gesucht sind und neue Richtlinien für den Beutezug durchs Antiquariat, nicht aber Erkenntnisse und Genüsse mit ungewissem Ausgang – und Gedichte nun schon gar nicht.

Man wird sich über dieses intellektuelle Blindekuhspiel noch ein paar Gedanken machen können, wenn, im Herbst dieses Jahres, die Kunsthalle Baden-Baden ihre große und ganz bestimmt in ihrer Art hervorragende Präraffaeliten-Ausstellung eröffnet. Man kommt nicht umhin, sich über diese Dinge ein paar Gedanken zu machen, wenn man in London durch die Ausstellung „Dante Gabriel Rosetti – Poet and Painter“ (bis zum 11. März in der Royal Academy of Arts, vom 29. März bis 6. Mai im City Museum Birmingham) geht. Diese Ausstellung (rund vierhundert Bilder, Zeichnungen, Manuskripte, Photos, Glasmalereien, Dekorationen, Bücher) war bisher ein großer Erfolg: bei den Besuchern und, mit gelegentlichen Abstrichen, bei den Rezensenten. Bei uns wäre das nicht anders, wird das nicht anders sein bei der Ausstellung in Baden-Baden.

Dante Gabriel Rösetti wurde 1828 als Sohn italienischer Emigranten in London geboren. Die Familie war auf eine bürgerlich solide Art unbürgerlich intellektuell: Der Vater widmete sich seinen Dante-Studien, die Schwester Christina dichtete, der Bruder Michael schrieb und philosophierte. Gabriel Rosetti selber wußte lange nicht, ob er Dichter oder Maler werden sollte. Spät entschied er sich und wurde hauptamtlich Maler und Zeichner; die Nachwelt konzedierte dem Verfasser von „The Blessed Damozel“ auch den Dichter. Vier Jahre lang ging Rosetti auf eine Zeichenschule, ein Jahr besuchte er die Royal Academy in London, dann hatte er, wie er zu Unrecht fand, genug gelernt, wurde für kurze Zeit Privatschüler von Ford Madox Brown (dessen Bild „The Last of England“ die ganze präraffaelitische Kunst aufwiegt).

Im Jahr 1848 gründete er die „Präraffaelitische Bruderschaft“, der außer ihm John Everett Millais, William Holman Hunt, Michael Rosetti, Thomas Woolner, F.-G. Stephens und James Collison angehörten. Rosetti, Hunt und Millais waren nicht nur die Führer dieser Gruppe, sie waren auch die einzigen, die für Nachruhm taugten. 1848 freilich war nicht das Jahr der Gruppen und Vereine, sondern das Jahr der Revolutionen: Die jungen Männer (das Durchschnittsalter war einundzwanzig) revoltierten gegen die akademische Kunst eines Sir Joshua Reynolds, der ärgerlicherweise nicht nur ein großer Maler war, sondern in den „Discourses“ auch noch allgemeine Anweisungen für Lernwillige niedergelegt hatte. Das präraffaelitische Bekenntnis zur „Naturwahrheit“ („truth to nature“) hat, außer bei Holman Hunt, allerdings in keinem Werk eines der Mitglieder einen wirklichen Niederschlag gefunden, bei Rosetti selber am allerwenigsten.