In der nächsten Woche gibt es an den Schaltern der Banken und Sparkassen ein Wertpapier besonderer Art zu kaufen: die erste Tranche einer Stabilitätsanleihe des Bundes. Nichts Besonderes weisen die Konditionen des Papiers auf: Es wird bei einem Ausgabekurs von 100 Prozent mit 8,5 Prozent verzinst. Das Außergewöhnliche an der Aktion: Der Staat kassiert zwar eine runde Milliarde Mark, hat jedoch hoch und heilig versprochen, das Geld zumindest vorerst nicht auszugeben.

Was für die Bundesrepublik den Reiz des Neuen hat, gehört bei unseren französischen Nachbarn längst zum bewährten finanz- und wirtschaftspolitischen Instrumentarium. Erst zu Beginn dieses Jahres bot die Regierung in Paris eine Staatsanleihe in Höhe von nicht weniger als 5,5 Milliarden Francs an. Auch an der Seine verfolgt man damit Stabilitätsziele: Ein Prozent der gesamten Geldmenge soll abgeschöpft und damit die Konsumnachfrage der privaten Haushalte gedämpft werden.

Wenn die Franzosen ihrem Fiskus Anleihen abkaufen, dann bekommen sie für ihre gutes Geld allerdings weniger Zinsen als die Bundesbürger: sieben Prozent im Jahr. Dabei war noch für keine vorangegangene Staatsanleihe so hohe Zinsen bezahlt worden. Die französische Staatskasse wartet dafür regelmäßig mit einer anderen Attraktion auf: Wer dem Staat sein Geld leiht, wird mit Steuernachlässen belohnt.

Schon 1952 verkaufte der damalige Finanzminister Antoine Pinay Staatsanleihen so geschickt, daß ihm seitdem der legendäre Ruf des stabilitätspolitischen Medizinmannes treu geblieben ist. Das Geheimnis seines Erfolges: Wer Staatspapiere kaufte, brauchte für die Erträge keine Einkommensteuer zu bezahlen; und wer sie vererbte, war auch von der Erbschaftsteuer befreit.

Doch damit nicht genug: Pinay baute auch mit Erfolg auf den unerschütterlichen Glauben seiner Landsleute an das Gold. Der Staat band seine Schuldpapiere an den Goldpreis, so daß bei jeder Franc-Abwertung der Wert der Staatsanleihe im gleichen Umfang stieg.

Von diesen alten Verkaufsrezepten, die sogar Giscard d’Estaing jüngst wieder ausgrub, hält die Bundesregierung jedoch nicht viel. Sie ist sicher, ihre Anleihe auch ohne „Extras“ placieren zu können. Dafür hat die Bonner Stabilitätsanleihe den französischen Vorbildern einen entscheidenden Punkt voraus: Sie wird nicht zur Finanzierung des Haushalts verwendet, sondern stillgelegt. Die acht französischen Staatsanleihen seit 1952 wurden dagegen samt und sonders gleich wieder verausgabt.

smi